Beerdigung

Ein Bestatter in der Corona-Krise: Systemrelevant sind wir anscheinend nicht

Eric Wrede war erfolgreicher Musikmanager, dann wechselte er die Branche: Heute ist er Bestatter und Inhaber von „Lebensnah Bestattungen“. Die Corona-Pandemie trifft auch seinen Berufsstand. Er bekommt bereits deutlich mehr Anfragen verunsicherter Berliner. Wrede ist es wichtig, dass sich Freunde und Familienmitglieder ordentlich von Verstorbenen verabschieden können – im Zweifel auch mittels Streaming. Das wirke einer doppelten Traumatisierung entgegen. Ein Interview.

Corona und Bestattungen: Dürfen Bestattungen bald nur noch in engem Kreis stattfinden? Foto: Eric Wrede
Dürfen Bestattungen bald nur noch in engem Kreis stattfinden? Foto: Eric Wrede

tip Herr Wrede, Berlin hat – glücklicherweise – noch keinen Todesfall infolge der Corona-Pandemie zu beklagen. Welchen Einfluss hat die Verbreitung des Virus auf Ihr Metier?

Eric Wrede Die Corona-Krise trifft auch die Bestatter. Die ersten Friedhöfe untersagen schon die Nutzung von Trauerhallen. In Nordrhein-Westfalen dürfen nur noch nahe Verwandte zu Begräbnissen kommen. Wir von „Lebensnah Bestattungen“ haben das Glück, eine eigene Kapelle zu besitzen. Dort haben wir die Hygienestandards erhöht und können die Maßnahmen entsprechend der Lage nochmals anpassen. Bestattungen organisieren wir so, dass verschiedene Gästegruppen sich nacheinander vom Verstorbenen verabschieden können.

tip Haben Sie bereits gesellschaftliche Veränderungen wahrgenommen?

Eric Wrede Man merkt deutlich, dass die Berliner in Krisenzeiten zusammenrücken. Man kümmert sich um die Familie und hält engen Kontakt zu Freunden und Verwandten. In unserem Arbeitsalltag haben wir festgestellt, dass es vermehrt Vorsorge-Anfragen gibt. Das sind ältere Menschen, die nach Formalitäten fragen. Aber es erkundigen sich auch Angehörige, was passiert, wenn die 96-jährige Mutter, die im Heim lebt, bald stirbt. Zudem werden größere Trauerfeiern verschoben.

Corona und Bestattungen: Eric Wrede, Bestatter und Autor.
Corona und Bestattungen: Eric Wrede, Bestatter und Autor. Foto: Imago/Rückeis/TSP

tip Ansonsten scheint sich Ihr Arbeitsalltag als Bestatter nicht wesentlich verändert zu haben.

Eric Wrede Systemrelevant scheinen Bestatter nicht zu sein. Zumindest können meine Mitarbeiter, die Kinder haben, keine Notbetreuung beantragen. Für jemanden, der seinen Bürojob ins Homeoffice verlegt, ist es mitunter nicht so problematisch, die Kinder zu hüten. Aber in unserem Fall können ja nicht einfach Kinder mit zur Bestattung gebracht werden. Also haben wir einen kleinen „Lebensnah“-Kindergarten gegründet, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Überhaupt liegt uns das Wohl der Mitarbeiter am Herzen. Darüber hinaus haben wir dieselben Lieferengpässe wie etwa Krankenhäuser: Vor allem Desinfektionsmittel ist knapp, wird aber dringend benötigt. Niemand kann sagen, wie lange das Virus im Wirt lebt, selbst wenn dieser verstorben ist. Falls Bestatter den Betrieb einstellen müssten, gibt es glücklicherweise Wege, Verstorbene in Kühlkammern zwischenzulagern. So hat das Krematorium Ruhleben ausreichend große Kapazitäten. Allerdings sehe ich derzeit andere Schwierigkeiten.

Corona und Bestattungen: "Lebensnah Bestattungen" hat eine eigene Kapelle, in der jetzt immer mehr Trauerfeiern stattfinden. Foto: Eric Wrede
„Lebensnah Bestattungen“ hat eine eigene Kapelle, in der jetzt immer mehr Trauerfeiern stattfinden. Foto: Eric Wrede

tip Welche?

Eric Wrede Ein Todesfall an sich ist für Familienmitglieder, Verwandte und Freunde schlimm. Sich dann nicht richtig verabschieden zu können, wirkt doppelt traumatisierend. Viele Krankenhäuser, etwa in Italien, schränken das Besuchsrecht bereits ein. Wir wollen wenigstens die Verabschiedung von den Toten aufrechterhalten. Doch da wird es kompliziert. Reisen soll man bestmöglich vermeiden. Wie sieht es aber im Fall einer Beerdigung aus? Eventuell hilft uns da die moderne Technik. Im Zweifel streamen wir die Beerdigung.


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