Indie-Pop

„Ein bisschen brutal“ – Interview mit den Shout out Louds

Die Shout out Louds aus Stockholm haben einen ganz besonderen Fleck im Herzen des europäischen Indie-Pop. Wie gehen sie mit
den enormen Erwartungen einer Generation um, die mit ihnen erwachsen wurde?

Shout Out Louds

Händchenhalten im Sommerregen, schüchterne Gefühlsduseleien, softes Gitarrenflirren: Das sind die Shout Out Louds. Aber auch: eine der größten europäischen Indie-Bands des vergangenen Jahrzehnts, die sich nun mit „Ease My Mind“ nach vier Jahren zurückmeldet. Entsprechend hoch dürfte der Erfolgsdruck für Frontman Adam Olenius und Keyboarderin Bebban Stenborg sein, mit denen wir sprachen.

tip Ihr wisst sicher selbst um euer besonderes Standing im europäischen Indie-Pop. Wie fühlt es sich an, ein neues Album in die Welt zu setzen? Steht ihr unter Druck?
Bebban Stenborg: Es fühlt sich zumindest echt schön an, wie du uns beschreibst!
Adam Olenius: Total, ja! Weil wir selbst uns immer noch wie eine kleine Newcomer-Band fühlen.

tip Tatsächlich?
Bebban: Vielleicht nicht wie Newcomer, aber sonderlich berühmt fühlen wir uns auch nicht, oder?
Adam: Das stimmt.

tip Dabei hat eure Musik eine ganze Generation junger Menschen geprägt.
BEBBAN: Meinst du? Ich habe da noch nie so drüber nachgedacht …
Adam: Okay, langsam fühle ich den Druck, den du vorhin angesprochen hast. Nein, Spaß! Wir bekommen natürlich mit, was andere Bands machen, und versuchen, unseren eigenen Sound zu finden, etwas zu erschaffen, das wir sind. Insofern ist neue Musik durchaus ein kleiner Kampf.

tip Wie war das jetzt bei „Ease My Mind“?
Adam: Wir hatten ein Meeting in meinem Studio und haben über die Dynamik und Energie gesprochen, die uns vor‘m inneren Auge schweben.

tip Das stelle ich mir ziemlich komplex vor, weil es dabei ja vor allem um die Beschreibung ganz subjektiver Eindrücke geht.
Adam: Das stimmt, wir haben uns deshalb konkret gefragt: Was wollen wir? Und was haben wir beim letzten Album vermisst?

tip Die neue Platte als Korrektiv der vorigen?
Bebban: Ein bisschen vielleicht? Obwohl: Das klingt schrecklich. Uns ging es eher um die Frage, welche andere Richtung wir diesmal einschlagen wollen.

tip Also ein Ausloten der Möglichkeiten.
Bebban: Genau. Wir betreten das Studio immer mit enormer Offenheit. Erst am Ende kristallisiert sich ein konkretes, künstlerisches Konzept heraus.

tip Das klingt schön chaotisch.
Bebban: Ist es auch! Manchmal bin ich selbst überrascht, dass dabei am Ende ein gutes
Album entsteht, weil wir so unstrukturiert arbeiten.
Adam: Wir haben uns darüber gestern Abend an der Hotelbar schon unterhalten. Wenn einer von uns eine gute Idee hat, machen wir einen Song draus. So einfach ist das. Ich nenne das the random way of working.
BEBBAN: Trotzdem finden wir immer etwas, das die Stücke zusammenhält. Beim letzten Album „Optica“ war es das übergeordnete Thema Licht.
Adam: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke, muss ich aber sagen, dass mir „Ease My Mind“ viel stärker mit Licht verknüpft zu sein scheint, als sein Vorgänger. Komisch …
BEBBAN: Ich weiß, was du meinst. Mir geht’s genau so.
Adam: Das neue Album ist auch viel entspannter, oder?

tip Finde ich auch. Aber trotzdem gibt es diesen Drive, den ich lange schon nicht mehr bei euch gehört habe.
Adam: Willensstärke! Ich glaube, du meinst Willensstärke. Besonders in einzelnen Songs.

tip „Paola“ zum Beispiel.
Adam: Total! Manchmal ist es auch gut, bei solchen Stücken ein bisschen brutal
vorzugehen.

tip Brutal?
Adam: Ja. Wir diskutieren natürlich vieles innerhalb der Band, weil wir schon so lange befreundet sind. Aber manchmal entsteht die besondere Energie eines Songs auch dadurch, dass man an seiner eigenen Idee festhält und sie durchzieht. Das habe ich letztens auch mal separiert von der Band, nur mit einem Produzenten, probiert.

tip Können solche Alleingänge nicht auch zu Problemen in einer Freundschaft führen? Ich denke da sofort an The xx. Der neue Sound der Band, maßgeblich beeinflusst vom Solo-Projekt von Jamie xx, hat die drei beinahe zerrissen.
Bebban: Ich weiß, was du meinst. Bei uns ist es ähnlich. Auch wir arbeiten viel abseits der Band an eigenen Sachen, und ich hatte tatsächlich die Sorge, dass es daraus zu viele Einflüsse in unsere Musik als Gruppe schaffen werden.

tip Waren deine Bedenken am Ende haltlos?
Bebban: Ja, zum Glück! Ich war richtig dankbar, dass wir als Band so demokratisch funktionieren. Bei uns geht’s nicht um Regeln, Gesetze. Wir sind Freunde, wir entwickeln unsere Ideen organisch.
Adam: Und The xx sind ein wirklich gutes Beispiel dafür, wie man es schafft, den richtigen Umgang mit musikalischen Vorlieben einzelner Mitglieder zu finden.

tip Ihr aktuelles Album ist großartig.
Adam: Finde ich auch! Das ist ein riesiger Schritt nach vorn für sie.
BEBBAN: Ich glaube, es wird immer schwierig, sobald ein Einzelner aus dem Freundeskreis ausbricht.

tip So wie Jamie?
Bebban: Ja. Das ist für Fans jetzt vielleicht ein bisschen enttäuschend, aber wir sind definitiv mehr Freunde als Kollegen.

tip Aber das ist doch eine Vorstellung,
die eure Fans sicher lieben.
Bebban: Nun ja, aber den Rock’n’Roll-Lifestyle, den erfüllen wir wirklich überhaupt nicht.

tip Das ist ja nicht schlimm.
Adam: Eben. Uns sind andere Dinge wichtig, zum Beispiel, dass ein Song auf seine eigene Weise wachsen darf – ganz egal, wie gut wir die passenden Instrumente beherrschen, mit denen wir ihn spielen.
Bebban: Wir haben damals auch nichts anderes gekonnt.
Adam: Uns war alles andere egal.

tip Das klingt total romantisch. Aber manchmal müsst ihr doch auch Business-Sachen besprechen, oder nicht?
Bebban: Wir haben das vor ein paar Jahren machen müssen. Ich erinnere mich noch gut daran. Das war überhaupt kein Spaß – aber natürlich nötig. Mittlerweile haben wir diesen Punkt zum Glück überwunden.

tip Wie geht das?
Bebban: Wir wissen jetzt, dass wir allein zurecht kommen, aber immer auch einander den Rücken stärken. Wir brauchen so ein klärendes Gespräch also erstmal nicht mehr.

tip Ihr scheint euch so nah wie noch nie zu sein. Beflügelt das eure Haltung als Band? Seid ihr gelassener?
Bebban: Wir haben mittlerweile einen ganz netten, bequemen Platz in der Musikgeschichte zugewiesen bekommen. Selbst wenn uns nur ein paar tausend Leute kennen, fühlt es sich für mich so an, als würden zumindest diese paar tausend am Ende ihres Lebens daran denken, dass es uns gab.

Astra Kulturhaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Sa 14.10., 19.30 Uhr, VVK 28,50 €

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