Disco-Country

„Eine Clubnacht kann Wunder wirken“ – Ein Gespräch mit Kylie Minogue

Das Berghain ging hart auf Country-Disco ab, als Kylie Minogue im Frühling dort ihr Album „Golden“ spielte. Glitzernde Brokeback-Mountain-Cowboys in den heiligen Technohallen. We just can’t get it out of our minds

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Kylie Minogue, 50, wirkt ausgeglichen beim Treffen im Berliner Soho House. Dabei lief im Leben der Australierin, die inzwischen in London lebt, nicht alles optimal: Es gab Phasen, in denen ihre Karriere stagnierte. Die Trennung von ihrem Verlobten, dem Schauspieler Joshua Sasse, setzte der Sängerin arg zu. Sie flüchtete nach Nashville und ließ sich vom Country zu den Stücken ihres 2018er Albums „Golden“ inspirieren, mit dem sie nun zum zweiten Mal in Berlin gastiert. Uns hat sie auch von Dolly Parton und Nick Cave erzählt

tip Kylie, dass Sie eines Tages Country für sich entdecken würden, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten…
Kylie Minogue Ich habe immensen Respekt vor diesem Genre, an das mich mein Stiefgroßvater heranführte. Er kam ursprünglich aus Kentucky und liebte Country. Insofern lag es für mich auf der Hand, diese Musik mit Dance-Pop zu verweben. Dafür bin ich eigens nach Nashville gereist. Die Stadt war völlig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich erwartete diesen New-Orleans-Charme. Doch die Häuserblocks erinnerten mich eher an Melbourne. Trotzdem spürte ich sofort diese einzigartige Nashville-Magie.

tip Haben Sie die Stadt wie eine Touristin erkundet?
Kylie Minogue Dafür blieb mir keine Zeit. Ich kam selten aus dem Studio raus. Wenigstens schaffte ich es einmal ins Bluebird Café. Ich wäre auch gern ins Grand Ole Opry gegangen, wo alle von Hank Williams bis zu Dolly Parton aufgetreten sind. Leider hat das nicht geklappt.

tip Sie verehren Dolly Parton. Wie viel Einfluss hatte sie auf Ihre Musik?
Kylie Minogue Wenn ich mit meinen Produzenten an meiner Platte arbeitete, hatte ich vor allem ihre Songs im Kopf. Dolly ist für mich nicht bloß ein Country-Star. Ich halte sie für eine Nashville-Ikone, die wirklich jeder kennt.

tip Haben Sie Dolly Parton jemals getroffen?
Kylie Minogue 2016 bin ich ihr vor ihrem Konzert im Hollywood Bowl begegnet. Da habe ich mich plötzlich in der Rolle des aufgeregten Fans wiedergefunden.

tip … der ein T-Shirt mit der Aufschrift „What would Dolly do?“ besitzt?
Kylie Minogue Ja. Vielleicht sollte ich es endlich tragen und diesen Satz zu meiner Philosophie machen.

tip Zumindest als Künstlerin haben Sie doch eine klare Maxime: Sie erfinden sich ständig neu.
Kylie Minogue Veränderungen reizen mich seit jeher. Obgleich ich vier Platten mit Stock Aitken Waterman aufnahm, habe ich mich bereits während dieser Phase weiterentwickelt. Mit dem Lied „Better the Devil you know“ emanzipierte ich mich ein Stück weit von meinem Girl-next-Door-Image. Im Video inszenierte ich mich zum ersten Mal recht erotisch.

tip Stock Aitken Waterman galten als Hitfabrikanten. Wie war die Zusammenarbeit mit ihnen?
Kylie Minogue Alles musste sehr schnell gehen. Jemand drückte mir meine Texte in die Hand, dann habe ich gesungen. Das war auf Dauer unbefriedigend. Ich wollte stärker in den künstlerischen Prozess eingebunden werden. Darum wechselte ich zum Independent-Label Deconstruction – in ein komplett anderes kreatives Umfeld. Auf einmal wurde ich bestärkt, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich nahm „Where the Wild Roses grow“ mit Nick Cave auf. Von ihm lernte ich, mit einem Song überzeugend eine Geschichte zu erzählen. „Du musst weniger singen und mehr sprechen“, predigte er mir.

tip Danach unterschrieben Sie einen Vertrag bei Parlophone.
Kylie Minogue Mit „Spinning around“ hatte ich damals in Australien und Großbritannien einen Nummer-Eins-Hit. Das hielt mich nicht davon ab, weiter zu experimentieren. „Can’t get you out of my Head“ verschrieb sich dem Synthie-Pop. Ich tat alles, um Stillstand zu vermeiden. Auch auf die Gefahr hin, ungebremst gegen eine Wand zu laufen.

tip Im Laufe Ihrer Karriere gab es eindrucksvolle Momente. Besonders Ihre goldenen Hotpants aus dem „Spinning around“-Video blieben Ihren Fans in Erinnerung.
Kylie Minogue Es ist erstaunlich, wie sehr gerade dieses Kleidungsstück alle fasziniert hat. Eine Freundin hat die Hotpants auf einem Markt in London entdeckt. Sie erstand sie für nur 50 Pence und gab sie mir.

tip Werden Sie wieder in Ihre Hotpants schlüpfen, wenn Sie die „Golden“-Songs live präsentieren?
Kylie Minogue Auch wenn sie optisch perfekt zum Albumtitel passen würden: nein! Schließlich bin ich nicht mehr in den 30ern.

tip Sie sind in diesem Jahr 50 geworden. Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Kylie Minogue Eine Zeile aus dem Lied „Golden“ beantwortet Ihre Frage: „We’re not young, we‘re not old – we‘re golden.“ Ich würde gar nicht erst versuchen, mich mit einer 20-Jährigen zu messen. Doch ich fühle mich keinesfalls alt. Im Vergleich zu einer 80-Jährigen wirke ich fast wie ein Küken. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

tip Das Älterwerden ist bloß ein Aspekt Ihrer Platte. In erster Linie wird sie als Trennungsalbum vermarktet.
Kylie Minogue Natürlich lag mir einiges auf der Seele. Die ersten Songs, die ich geschrieben habe, waren wie Tagebucheinträge. Bald erkannte ich: Einfach meine Emotionen rauszulassen funktionierte nicht. Ich musste die Sache anders angehen. Mit mehr Humor. Also hielt ich mich an das Motto „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ Ich finde, man darf sich nicht zu ernst nehmen. Zum Glück fällt es mir nicht schwer, über mich selbst zu lachen.

tip Dabei haben Sie bereits einige Tiefschläge wegstecken müssen. Zum Beispiel 2005 Ihre Brustkrebserkrankung.
Kylie Minogue So eine Diagnose stellt natürlich alles auf den Kopf. Man fragt sich: Was zählt tatsächlich im Leben? Womöglich krempelt man seinen Alltag komplett um. Ein gestresster Geschäftsmann, der seine Familie fast nie gesehen hat, gibt vielleicht seinen Beruf auf. Das war für mich nie eine Option. Im Gegenteil: Ich setzte mir das Ziel, so schnell wie möglich wieder auf der Bühne zu stehen.

tip War das aus heutiger Sicht ein Fehler?
Kylie Minogue Nein. Die Musik gab mir einen Fokus. Sie ist das, was immer für mich da ist. Egal, ob ich lache, weine, träume oder tanze: Musik ist der ideale Katalysator. Sie hilft mir beim Loslassen.

tip Mit Ihrem Lied „Dancing“ scheinen Sie das Ihren Hörern nahebringen zu wollen.
Kylie Minogue Seien wir ehrlich: Wir grübeln alle viel zu viel. Wir machen uns Gedanken um unseren Job, um unsere Partnerschaft, um unsere Zukunft. Oft fehlt uns die Leichtigkeit. Da kann eine Clubnacht Wunder wirken. Tanzen tut nämlich Körper und Seele gut.

Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, Mo 19.11., 20 Uhr, VVK 85 – 108 €

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