Deutscher Kleinkunstpreisträger

Ein Gespräch mit Marco Tschirpke

„Kürze ist unökonomisch“ – Er schreibt Minutengedichte und Lapsuslieder, disst gern Grass und guckt Bäume im Prenzlauer Berg an

Foto: Harry Schnitger

tip Herr Tschirpke, Ihr Neujahrspost auf Facebook ging so: „Nach dem Silvesterunfall konnte Konrad die von ihm abgefeuerten Raketen an einer Hand abzählen.“ Ist Ihre Kürzest-Lyrik das Twitter der Dichtung?
Marco Tschirpke Das ist eher Unvermögen. Die epischen Längen werden nicht erreicht, obwohl sie angestrebt werden.

tip Wenn Sie sich ans Klavier setzen, ist das Stück oft nach einer Minute schon wieder vorbei. Sind die Leute immer noch irritiert?
Marco Tschirpke Zumindest, wenn sie zufällig in die Veranstaltung stolpern. Es wäre auch langweilig, wenn so ein Abend nicht komplett gegen den Baum gehen könnte.

tip Wie sieht ein Abend gegen den Baum aus?
Marco Tschirpke Du kommst raus, es klatscht schon mal keiner. Das heißt nicht, dass es ihnen nicht gefällt. Aber es geht damit los, dass sich die Zuhörer nicht zu einem Publikum verbünden – und endet damit, dass ich dafür ein tiefes Verständnis habe.

tip Welche Reaktion wäre Ihnen lieber?
Marco Tschirpke Andächtige Tränen. Oder eine Saalschlacht.

tip Jetzt erscheint Ihr neuer Gedichtband „Empirisch belegte Brötchen“. Ihr vorheriges Buch, „Frühling, Sommer, Herbst und Günther“, war 2015 ein Spiegel-Beststeller.
Marco Tschirpke Damit hat niemand gerechnet! Gedichte werden eigentlich nicht in größeren Mengen gekauft.

tip Im Februar wird Ihnen der Deutsche Kleinkunstpreis in der Kategorie Chanson/Lied/Musik verliehen. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Marco Tschirpke Ich denke, eine ähnliche wie 1989 die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Beate Uhse. Aber Spaß beiseite. Ob etwas eine Bedeutung hatte, erfährt man eh erst nach seinem Tod.

tip Sie sind in Brandenburg an der Havel aufgewachsen und leben seit gut 15 Jahren in Berlin. Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt in der Scheinbar ­erinnern?
Marco Tschirpke Ja. Das war mit dem „Pflaumenbaumlied“.

tip Ein sehr kurzes Lied über eine Pflaume hoch im Baum, wo, wenn sie runterfällt, sich der Erzähler selbst anhängt.
Marco Tschirpke Beim Schreiben war es erst mal nur ein Kinderlied. Die Rezeption durchs Publikum war und ist: ein lustiges Lied übers Sterben. Ich kann damit leben.

tip Ihr „Heureka-Moment“ für die eigene Form?
Marco Tschirpke Dass es etwas kurz ist, ist ja noch keine Form. Das ist erst mal nur eine Länge. Ich fürchte, ich bin einfach über die Kurzform nie hinausgekommen. Das ist eher das klassische Manko, das dann zum Stilmerkmal mutiert ist.

tip Wie sind Sie auf die Bezeichnung „Lapsuslieder“ gekommen?
Marco Tschirpke In Essen, wo ich Tonsatz studiert habe. Ich hatte ein Lied gemacht, in dem das Wort „Lapsus“ vorkam. Klingt gut, dachte ich. „Lapsuslieder“ – ein Stabreim.

tip Immer wieder verblüffend, wie viele musikalische und textliche Ideen Sie da in einer oder zwei Minuten einfach so rausballern.
Marco Tschirpke Es ist unökonomisch, wenn man’s mal hochrechnet.

tip Sind Sie schon mal gecovert worden?
Marco Tschirpke Ich glaube, es lohnt sich für die meisten nicht, ein Lied zu üben – und dann ist es nach 20 Sekunden vorbei. Wobei, wenn ein Chor das mal singen möchte, als Wertekanon: gerne!

tip Sie selbst kommen ja oft auf den DDR-Dramatiker Peter Hacks zurück.
Marco Tschirpke Arnold Schönberg hat mal gesagt, er würde Stücke in C-Dur hören, um sich die Ohren zu spülen. Wenn ich denke, was ich lese ist nur Kraut und Rüben, greife ich auf Hacks zurück: Okay, hier ist eine gewisse Wohlgeordnetheit zu finden, die mich wieder grundiert.

tip Die DDR spielt für Sie immer noch eine Rolle?
Marco Tschirpke Zwei politische Systeme zu kennen, ermöglicht eine andere Draufsicht. Ohne dass ich die gegeneinander ausspielen würde, hat man doch zwei verschiedene Zugriffe auf die Welt erfahren.

tip Sie teilen auch schon mal aus. Eine Frau übergibt sich etwa auf Grass-Gedichte.
Marco Tschirpke In jedem Buch sollte ein Günter-Grass-Diss drin sein. Seine letzte Gedichtveröffentlichung war eine Mischung aus Altherrenerotik und Antisemitismus. Wirklich furchtbar.

tip Geht Ihnen eigentlich der Prenzlauer Berg, wo Sie seit 15 Jahren wohnen, manchmal auch auf den Geist?
Marco Tschirpke Es ist ja überall riskant, vor die Tür zu treten. Aber es gibt einen wunderbaren Aspekt in Berlin: nämlich dass das gesamte Baumkataster im Internet steht. Jeden Baum in der Straße kann ich im Internet suchen. Wie der heißt, wie alt der ist, die Stammdaten eben. Ich bin öfter mit den Kindern draußen. Die Brut muss ja gelüftet werden. Da hab ich angefangen, Bäume zu lernen und Herbarien anzufertigen. Nicht für die Kinder. Für mich!

Empirisch belegte Brötchen Gedichte und Geschichten (in überwiegend komischer Manier) von Marco Tschirpke, Ullstein, 176 S., 9,99 €,

Buchpremiere: Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, Mo 22.1., 20 Uhr, Ticket: 12 € plus VVK-Gebühr