Musik & Party in Berlin

Ein Interview mit Alina Manoukinan

Alina Manoukian ist eine Hamburger Sängerin und Schauspielerin mit armenischen Wurzeln. Mit ihrem aktuellen Liederabend gastiert sie in Potsdam.

Alina Manoukian

Wir sprachen mit ihr über armenische Kunst als Politikum und die zögerliche Haltung der Bundesregierung hinsichtlich des Begriffs „Genozid“.

tip Woraus speist sich Dein Programm?
Alina Manoukian Vorrangig aus dem Debutalbum „Na Miz Naz Ouni“, das ich 2012 mit Sebastian Alberts aufnahm. Es gab danach eine längere musikalische Pause, weil ich Mutter von Zwillingen wurde. Ich werde aber ein paar neue Lieder vorstellen. Da wir gerade an neuem Material arbeiten, wird dies auch live zu hören sein.

tip Die Texte der Albumsongs sind poetische Liebesgeschichten. Du hast einmal gesagt, als Künstlerin mit armenischen Wurzeln sei man immer auch politisch. Gilt dies nach wie vor?
Alina Manoukian Ja, absolut. Ich singe armenische Liebeslieder und werde deswegen angegangen?! Plötzlich merke ich, wie politisch dies ist: Wenn ich etwas aus der armenischen Kultur in die Öffentlichkeit stelle und dem dadurch eine Aufmerksamkeit gebe, dann stelle ich offensichtlich eine Bedrohung für einen bestimmten Flügel nationalistischer Türken dar. Viele Armenier sind vor einhundert Jahren deportiert oder ermordet worden. In der Musik schwingt die Trauer mit, auch wenn es die Geschehnisse nicht wortwörtlich benannt werden. Aber es gibt die Metaphern für die Sehnsucht nach der eigenen Heimat. Es sind Lieder, die ich schon als Kind vorgesungen bekam. In der Kunst spiegelt sich eine kulturelle Identität: die der Armenier. Diese aufrecht zu erhalten, ist offensichtlich eine politische Tat.

tip Warst du dir dessen vorher bewusst?
Alina Manoukian Nein. Zumindest nicht in dieser Klarheit. Ich habe 2005 in einem sehr persönlichen Stück gespielt, das davon handelt, das es eine unsichtbare Linie zwischen Armenien und dem Iran, wo ich geboren bin, sowie Hamburg gibt. Das war eine ganz persönliche Reise in meine Kindheit. Erinnerungen kamen wieder: an Gerüche und viele andere Sinneseindrücke. Als ich auf der Bühne stand, gab es Sicherheitsmaßnahmen am Theater, aus Vorsicht. Im Publikum saß dann jemand, der uns sehr genau auf die Finger guckte. Ich hätte nicht gedacht, dass es jetzt mit den Konzerten weiterhin Thema sein könnte. Plötzlich gab es über Facebook Einschüchterungsversuche.

tip Gibt es Gespräche nach den Konzerten?
Alina Manoukian Ja, aber keine kontroverse Diskussionen. Eher kommen Leute, die sagen, dass die Lieder auch ihre Kindheit begleiteten. Mit mir sprechen eher offene Leute. Egal, woher sie kommen, mit der Auseinandersetzung, die ich betreibe können sich viele identifizieren.

tip Die deutsche Politik hat lange mit sich gerungen, ob in dem Kontext von 1915 von Genozid gesprochen werden könne. Joachim Gauck hat schließlich den Begriff in den Mund genommen. Würdest du dir da, auch von der deutschen Politik, viel klarere Statements wünschen?
Alina Manoukian Ja, gerade jetzt wünsche ich es mir, als Mutter von zwei Kindern. Für mich ist es sehr wichtig, dass die deutsche Regierung zu ihrer Mitverantwortung steht. Deutschland war ein Bündnispartner der Türkei im Ersten Weltkrieg. Ich finde es wichtig, dass die deutsche Regierung Künstlern und Privatpersonen, die sich engagieren, den Rücken stärkt. Deutschland hat sich vor 100 Jahren realpolitisch positioniert und beim Genozid weggeschaut. Dass diese Haltung heutzutage noch immer zu finden, lässt mich verzweifeln.

Interview: Ronald Klein

Foto: Lili Nahapetian

Alina Manoukinan, Hans Otto Theater Potsdam, Schiffbauergasse 11, 14467 Potsdam, Fr 08.05., 21.45 Uhr, Tel.: 0331 98110