Musik & Party in Berlin

Ein Interview mit Blixa Bargeld

"Mal gucken, was das Seeungeheuer macht". Der Musiker blickt im Gespräch aus seine 30 Jahre Einstürzende Neubauten zurück.

Blixa Bargeld

tip 30 Jahre Einstürzende Neubauten, das ist mehr als die Hälfte Deines Lebens…
Blixa Bargeld?Alex Hacke hat das neulich mal als Seeungeheuer tituliert. Selbst wenn wir aufhören, Neubauten zu machen, schläft es nur und ist weiter im Untergrund aktiv. Irgendwann kommt es wieder zum Vorschein.

tip Wie viel Einstürzende Neubauten waren am Anfang geplant?
Blixa Bargeld Nicht viel. In meinem Leben wie auch in der West-Berliner Szene, in der ich mich bewegte, war es Programm, einmal die Woche eine Band zu gründen. In dieser kleinen Szene gab es ein paar beständige Figuren wie Gudrun Gut und mich. Wir waren alle so umtriebig, dass nach außen der Eindruck entstand, es würde sehr viel passieren. Dabei waren es immer dieselben zwei Dutzend Leute. Es gab die Chance, irgendwo aufzutreten, das musste angekündigt werden, und ich ließ den Namen Einstürzende Neubauten fallen. Als wir bei dem Label Some Bizzare mit Anwalt und Zeugen einen Vertrag über drei Platten machten, hatten wir uns als Band selbst betoniert. Ich kann mich aber nicht erinnern, ob ich das schlagartig begriff oder noch eine Weile brauchte.

tip Ist es Dir unheimlich, dass sich die erste Platte immer noch verkauft?
Blixa Bargeld Wenn ich die Alben Revue passieren lasse, repräsentiert jede Platte ein anderes Fenster in meinem Leben. Natürlich ist dieses Fenster „Kollaps“ inzwischen 30 Jahre von mir weggerückt. Ich weiß noch, was ich damals gelesen habe und was in meinem Kopf vorging, aber trotzdem hört man da einen wesentlich jüngeren Menschen als auf dem letzten Album.

Blixa Bargeldtip Damals wart Ihr ja postindustrielle Romantiker. Wenn man spätere Platten hört, entsteht der Eindruck eines beständigen Kampfes, diese Romantik zu erhalten und auf ein neues Level zu stellen?
Blixa Bargeld Es heißt, wir wären im Alter so viel ruhiger geworden, aber diese ruhigen Momente gibt es ja auch schon auf „Kollaps“. Vielleicht sind es jetzt mehr geworden, aber sie waren immer da. Und die Romantik war auch immer da. Der einzige gemeinsame Nenner von Andrew, Mufti, der zunächst wie ein Gast dabei war, und mir war Ton Steine Scherben. Mir war Deutschrock der Düsseldorfer und Kölner Schule wichtig, und für Andrew waren es die Beatles. Daraus erklärt sich die Romantik.

tip Wann erwuchs denn aus dem Chaos der Wille zur Form?
Blixa Bargeld Schon auf „Kollaps“ zeichnet sich mein Wille zum Konzept ab. Meine Vorgabe bestand darin, nur noch mit Nicht-Instrumenten zu spielen. Natürlich hatten wir eine Gitarre dabei, aber es gab kein Schlagzeug. Im Book­let stand: „Schlagzeug abgeschafft“. Das muss ein bedeutender Einschnitt in meiner Vorstellung gewesen sein. Andrew hatte sein Schlagzeug verkauft, und wir gingen den radikalen Schritt, aufs Schlagzeug ganz zu verzichten. Das stieß eine Tür auf, die sich bei den nächsten Alben immer weiter öffnete.

tip Irgendwann wurden dann aus den bösen Buben Lieblinge des Feuilletons…
Blixa Bargeld Der Augenblick, in dem uns das Feuilleton wahrnahm, war direkt mit dem Hamburger Schauspielhaus verknüpft. Das Stück von Peter Zadek wurde von der Kritik mit zwei Ausnahmen komplett zerrissen. Die beiden Ausnahmen waren Uwe Bohm und wir. Aber zwei Jahre später war schon wieder alles vorbei. Da wurde nur noch behauptet, dass wir im Feuilleton wären. Diedrich Diederichsen stellte die folgenschwere Behauptung auf, unsere Tourpläne läsen sich wie die Agenda der Goethe-Institute. Das höre ich heute noch. Zum damaligen Zeitpunkt waren wir noch nie mit dem Goethe-Institut unterwegs. Schön wär’s, dann wäre vielleicht einiges anders gelaufen. In demselben Text kommt das auch mit dem Feuilleton vor. Aber das ist nicht wahr, und es war von diesem kurzen Moment abgesehen nie wahr.

Blixa Bargeldtip Aber Ihr hattet schon immer so einen Hauch von Edelpatina. Viele Leute verstanden euch nicht, führten euch aber gern im Munde.
Blixa Bargeld Ich gebe zu, dass ich mit diesem Kulturanspruch auch immer geliebäugelt habe. Nur sind es zwei verschiedene Dinge, ob die Süddeutsche Zeitung im Feuilleton über uns schreibt oder ob es mir darum geht, ernstgenommen zu werden.

tip War mit der Gelassenheit des Albums „Tabula Rasa“ die Rebellion eurer Anfangstage Geschichte?
Blixa Bargeld Ich glaube, es ging mir besser. Die Erklärung dafür ist in unser aller Leben zu diesem Zeitpunkt zu suchen. Meine Lebenssituation hatte ich soweit stabilisiert, dass ich nicht mehr um die nächste Miete bangen musste. Ich hatte erstmals seit 15 Jahren eine eigene Wohnung. Dazwischen hatte ich diverse Freunde so lange ausgenutzt, bis ich nicht mehr wusste, wo ich schlafen sollte.

tip Der Titel eures letzten Albums lautet „Alles Wieder Offen“. Was heißt das für die Zukunft?
Blixa Bargeld Eigentlich war der Titel nicht auf die Band gemünzt. Das war mehr ein Wortspiel. Hinsichtlich der Zukunft kann ich im Moment nichts sagen. Wir gehen jetzt auf Tour und danach werden wir sehen, was das Seeungeheuer macht.

Interview: Wolf Kampmann

Lesen Sie hier: 30 Jahre Einstürzende Neubauten – Die Bandgeschichte mit Bildergalerie

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