Kino & Film in Berlin

Ein Interview mit Christopher Nolan

Teil zwei unseres Interviews mit dem Filmemacher, dessen neues Projekt "Inception" am 29. Juli in den deutschen Kinos startet.

tip Und vermutlich macht es auch Spaß, das Publikum so lange rätseln zu lassen wie die Hauptfigur?
Nolan (lacht) Ich hoffe, dass ich dieses Vergnügen liefern kann. Ich mag Filme, die einen über den Bauch hinaus auch intellektuell stimulieren und versuche immer, Geschichten wie ein guter Spieler oder Magier aufzuziehen, der immer noch eine Karte in der Hand hat.

tip „Inception“ hat 180 Millionen Dollar gekostet und für Warner kümmern Sie sich mit „Batman 3“ sowie einem „Superman“-Relaunch bereits um die nächsten Blockbuster. Sind Sie immun gegen Erfolgsdruck?
Nolan
Es hilft nichts, in Panik zu geraten, und man lernt gemeinhin als Anfänger, dass jede Produktion an jedem Drehtag ein Dutzend Probleme mit sich bringt. Emotionen sind da fehl am Platze, und ich behelfe mir in heiklen Momenten damit, Filme wie Mathematik zu betrachten. Da ähnelt das Regieführen ein wenig dem Malen nach Zahlen – man muss sich langwierig um nervtötende Details kümmern, die erst zusammen ein tolles Bild ergeben. Doch es ist Teil meines Jobs, jedes Problem zu lösen und in der Vorbereitung meine Hausaufgaben für alle Eventualitäten zu machen. Ist so ein aufwendiger Film wie „Inception“ erst einmal vor der Kamera, hat man aus puren Zeit- und Kostengründen kaum Möglichkeiten, auf dem Weg noch nennenswert den Kurs zu korrigieren. Die Vorproduktionsphase und der Schnitt machen mir persönlich mehr Spaß. Da ist der Weg von einer Idee bis zur Realisierung ungleich kürzer als am Set, wo Tage zwischen zwei verwertbaren Szenen liegen können.

tip Lässt Ihnen das Studio dabei völlig freie Hand?
Nolan Ich habe seit „The Dark Knight“ vertraglich das Recht auf den Final Cut, aber diese Karte musste ich gegenüber Warner Bros. noch nie ziehen. Wir vertrauen einander sehr, und ich nahm die künstlerische und finanzielle Verantwortung gegenüber meinen Partnern schon immer sehr ernst. Ich bleibe stets im Budget, beende Drehs früher als vorgesehen und erkläre vor allem vorher haarklein, welche Geschichte ich erzählen will und wie sie aussehen wird. Ich lasse mir viel Zeit beim Nachdenken und überstürze nichts. Und wenn ich erst mal persönlichen Zugang zu einem Projekt gefunden habe, lasse ich mich auch nicht mehr auf andere Visionen ein. Nur wenn wir zu hundert Prozent denselben Film vor Augen sehen und das dafür Nötige klar kalkulieren, wird ein Projekt Realität. Dabei habe ich das Glück, mit dem risikofreudigsten Studio der Branche zu arbeiten. Immerhin ließ Warner bei „Batman Returns“ erstmals zu, die ewige Erfolgsformel zu ändern und eine düstere Perspektive auf eine Heldenfigur zu wählen.

tip Gegen den Trend kommt „Inception“ nicht in einer 3D-Fassung ins Kino. Warum?
Nolan Es hätte niemals zufriedenstellende Ergebnisse gegeben, wenn wir den Film nachträglich aufgerüstet hätten, und ehrlich gesagt bin ich von der Technik noch nicht restlos überzeugt. Vielleicht bin ich altmodisch. Ich bin wahrscheinlich der letzte Regisseur Hollywoods, der den ersten Rohschnitt mit Filmmaterial macht und bald bis zu den Knien in Schnipseln sitzt. In 3D habe ich bisher keinen Film gesehen, der mich tiefer in seine Welt hineinzog, ganz im Gegenteil finde ich, dass Brille und Effekte eine neue Ebene der Distanz zum Zuschauer aufbauen. Unmöglich zu sagen, ob die Technik bei mir einmal zum Einsatz kommt. Im Zweifelsfall ziehe ich natürliche Szenenlösungen jedem digitalen Effekt vor.

Interview: Roland Huschke

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Inception“ im Kino in Berlin

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