Kino & Film in Berlin

Ein Interview mit Christopher Nolan

Ein Hosenbein seines dunkelblauen Dreireihers ist unverschämt schmutzig und manchmal wagt es beim Gespräch doch glatt eine störrische Haarsträhne, in des jungen Meisters Gesicht zu fallen. Ansonsten deutet nichts darauf hin, dass Regisseur Christopher Nolan gerade erhöhten Ruhepuls haben könnte, weil er sich einen zehn Jahre währenden Traum erfüllt und für 180 Mio. Dollar sein Wunschprojekt „Inception“ inszeniert. Unglaublich abgebrüht di­rigiert er sein Team mitsamt der Stars Leonardo DiCaprio und Joseph Gordon-Levitt an einem Sommertag im letzten Jahr durch vier verschiedene Szenen. Längst lebt der in Großbritannien geborene und in Amerika aufgewachsene Regisseur, dessen Arbeit von „Memento“ bis „The Dark Knight“ stets die erzählerischen Stärken des europäischen Kinos mit Hollywoods Sucht nach Adrenalin verband, in Los Angeles. Ein Heimspiel hat er am „Inception“-Set vor den Toren Londons trotzdem – Nolan dreht in einem zwei Hektar großen, ehemaligen Flugzeughangar, der ihm zudem als Stauraum für Kulissen von Gotham City dient, die demnächst wieder in „Batman 3“ gebraucht werden. Dass Nolan damit ein Filmemacher ist, der de facto sein eigenes Atelier bekommt statt in Pinewood oder Babelsberg mieten zu müssen, sagt schon viel über den zunehmend erstaunlichen Status Nolans, dem von Warner Bros. unlängst auch der Relaunch der „Superman“-Serie anvertraut wurde. Als personifizierte Kreativfabrik, der zudem Bruder James (Drehbuch) und seine Frau Emma (Produktion) angehören, wird Nolan gerade so wichtig wie Spielberg, Jackson oder Cameron als Schöpfer von Franchises, der den Status Quo des Blockbusterkinos neu definieren kann. „Inception“ ist sein bislang gewagtester Wurf. Das Projekt basiert auf keinem Comic, keiner Serie, keinem Roman – und wird von Nolan bewusst nur mit spartanischer Informationspolitik lanciert.

tip Selten wurde eine Produktion von so viel Geheimniskrämerei begleitet wie „Inception“. Können Sie alle Erwartungen erfüllen?
Christopher Nolan Man freut sich, wenn man eine gewisse Spannung im Vorfeld aufbauen kann, doch ein Hauptmotiv meiner Arbeit ist es, das Publikum trotz all seiner Erfahrung und Übersättigung noch überraschen zu können. Früher konnte man ins Kino gehen und ganz unschuldig in eine Geschichte eintauchen, während heute jeder Film von Anfang bis Ende im Trailer erzählt wird. Also beschlossen wir, über „Inception“ so gut wie nichts nach außen zu kommunizieren.

tip Davon abgesehen, dass es sich um eine „Mischung aus Heist Movie und moderner Science-Fiction“ handelt. Was ist damit gemeint?
Nolan Ich hatte stets die Fantasie, einmal einen James-Bond-Film zu drehen. Ich weiß, es entspricht nicht der Etikette das zu sagen, aber Tatsache ist nun mal, dass die meisten von uns süchtig nach Kino werden, weil sie als Kinder und Jugendliche spektakuläres Hollywood-Entertainment sehen. Jean-Luc Godard und Fritz Lang kommen viel später, wenn wir längst vom Kino infiziert sind. Mein Problem bei „Inception“ war nur: James Bond gibt es bereits. Also wählte ich die Form des Heist Movies – kaum etwas erzeugt mehr Dynamik als ein gut durchgeführter Überfall, zudem gefiel mir, was wir zu Beginn von „The Dark Knight“ gemacht hatten.

tip Aber auch mit Heist Movies könnten Sie einige Filmfestivals füllen.
Nolan Natürlich. Darum blieb nach der Arbeit an vielen Drehbuchversionen nur die Struktur übrig, denn tatsächlich erforsche ich in „Inception“ ein ganz anderes Interessenfeld. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit meinen Träumen und ihren Botschaften und versuche seit Jahren zu verstehen, wie es unser Gehirn schafft, im Schlaf komplette Welten zu erträumen. Wir können darin sprechen, hören, sehen und fühlen – und da wir währenddessen unzweifelhaft im Bett liegen bleiben, wandern wir de facto durch eine Parallelwelt. Was wäre, wenn es dazwischen Türen gibt? Wenn Manipulationen des Unterbewusstseins die Realität verändern?

tip Warum hat es zehn Jahre gedauert, um „Inception“ zu verwirklichen?
Nolan Einerseits fand ich lange Zeit kein Ende, das sich stimmig anfühlte – bis ich den Fokus verstärkt auf die Probleme von Leonardo DiCaprios Figur richtete. Doch ich hatte auch das Pech, mit meiner Idee zu einer Zeit zu kommen, in der wesensnahe Stoffe offenbar in der Luft lagen. „The Matrix“, „The 13th Floor“, „Dark City“ – diese Filme haben inhaltlich zwar nichts mit „Inception“ zu tun, aber die Prämisse koexistierender Lebensebenen wurde dem Publikum für meinen Geschmack damals zu oft angeboten. Und rückblickend ist es gut, dass ich ein paar Filme mehr auf dem Kerbholz habe. Was ich vor allem bei „The Dark Knight“ über die Logistik von Großproduktionen gelernt habe, ist nun unschätzbar. Wir drehen über sechs Monate in sechs Ländern. „Memento“ hingegen konnte ich seinerzeit innerhalb eines Stadtblocks drehen (lacht).

tip Gibt es Sci-Fi-Stoffe, von denen Sie sich beeinflussen ließen?
Nolan Nicht visuell, aber ich habe „Blade Runner“ sicher hundertmal gesehen und lerne jedes Mal einen neuen Trick von Ridley Scott. Ins­piriert hat mich sein Kunstgriff, eine Figur wie aus einem Film Noir in eine von Technik beherrschte Welt zu stecken. Das funktioniert nahtlos, weil der Film Noir ein sehr guter Schlüssel ist, um menschliche Abgründe aufzuspüren. Das Genre nimmt eine Figur mit scheinbar makelloser Fassade – bis sich ein Bruch auftut. Diesen Punkt zu finden, an dem man in die versteckten Seiten eines Charakters eindringen kann, macht das Schreiben für mich interessant und eröffnet die Möglichkeiten zu großem Drama.

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