Kultur & Freizeit in Berlin

Ein Interview mit Daniel Barenboim

Der Star-Dirigent über atonale Musik, Alban Berg und Pierre Boulez – und -warum er nicht zu den Berliner Philharmonikern wechselt.

Daniel Barenboim

tip Herr Barenboim, an der Staatsoper präsentieren Sie im März einen Alban-Berg-Schwerpunkt. Man könnte polemisch fragen: Warum quälen Sie das Publikum immer noch mit diesen Grundsatzreferaten der Atonalität?
Daniel Baremboim?Na, Sie sind aber heute gut gelaunt! (lacht) Man spricht über den Bruch mit der Tonalität immer, als ob der in den letzten zehn oder 20 Jahren passiert wäre. Er ist aber über 100 Jahre alt. Ich gebe zu, dass es viel überflüssige Musik gibt, auch im Bereich der Atonalität. Aber es gibt auch Meisterwerke. Besonders „Wozzeck“, aber auch „Lulu“, das Violinkonzert, und die drei Orchesterstücke, die wir jetzt alle spielen, gehören unbedingt dazu. Übrigens auch einige Werke von György Kurtбg, György Ligeti und Jörg Widmann, die alle nicht tonal sind.

tip Geben Sie mir ein Beispiel für Musik, die Sie „überflüssig“ finden?
Daniel Baremboim Überflüssig ist vielleicht zu viel gesagt. Aber im Vergleich zu Mozart fallen alle seine Zeitgenossen drastisch ab. Wir spielen seit Chopin auch keine Nocturnes mehr von John Field, obwohl er das Genre erfunden hat. Im Bereich der Moderne ist Iannis Xenakis jemand, der mir absolut nichts sagt. Aber das ist subjektiv und Geschmackssache. Andere mögen es anders sehen, und das ist gut so.

tip Glauben Sie nicht, dass die Schwierigkeiten des Publikums mit Neuer Musik der Vergangenheit angehören?
Daniel Baremboim Na ja, es stimmt, dass zum Beispiel Zwölftonmusik heute mehr Leute anspricht als noch vor 20 Jahren. Trotzdem wird es schwieriger, weil sich der Mangel an schulischer Bildung immer mehr bemerkbar macht. Berg, Schönberg oder Webern zu hören, ohne etwas darüber zu wissen, ist so, als ob Sie eine Vorlesung über Goethes Gedichte besuchen, obwohl Sie kein Deutsch können.

Daniel Barenboimtip Zu den Oster-Festtagen feiern Sie den 90. Geburtstag von Pierre Boulez. Können Sie mal kurz seine Bedeutung als Komponist erklären?
Daniel Baremboim Bitte schön! Boulez muss man von zwei Seiten aus betrachten: von Wagner her, ohne welchen Bruckner, Mahler und Schönberg nicht möglich gewesen wären. Und von Debussy und Ravel her. Boulez ist vielleicht der Einzige, der eine Verbindung zwischen diesen beiden Polen hergestellt hat.

tip Wird Boulez zu den Festtagen kommen?
Daniel Baremboim Ich bezweifle es. Leider ist er momentan ans Haus gebunden. Ich bin darüber sehr traurig, zumal Boulez im Juni 1964 jener Dirigent war, mit dem ich zum ersten Mal bei den Berliner Philharmonikern aufgetreten bin.

tip Der Plan Ihrer „Parsifal“-Premiere zu den Festtagen ist eher kritisch aufgenommen worden, weil man gesagt hat: Schon wieder? Es ist Ihr dritter „Parsifal“!
Daniel Baremboim Ich gestehe, dass mich der zweite „Parsifal“, inszeniert von Bernd Eichinger, nicht total befriedigt hat. Deswegen sah ich einen Bedarf. Ich bin ein großer Fan des Regisseurs Dmitri Tcherniakov und habe ihm vor zehn Jahren seine erste Inszenierung außerhalb Russlands gegeben. Als ich ihn für „Boris Godunow“ nach Berlin einlud, verstand er nur Russisch. Mit dem Hauptdarsteller Renй Pape, der nur mit Widerstand sein Schulrussisch sprach, hat er kaum geredet. Bei der ersten Bühnenorchesterprobe saß aber Patrice Chйreau im Zuschauerraum und fragte mich: „Wo hast du den her? Ein Genie!“ Es ist das erste Mal, dass Tcherniakov ein nicht-russisches Stück bei uns inszeniert.

tip In unserem letzten Gespräch haben Sie keinen Zweifel daran gelassen, dass Sie für die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern nicht zur Verfügung stehen. Was, wenn die Philharmoniker Sie nun doch fragen?
Daniel Baremboim Meinen Sie, ich hätte meine Meinung dazu geändert? Ich glaube nicht, dass ich neu überlegen würde. Meine Arbeit bei der Staatskapelle und der Staatsoper ist noch nicht zu Ende. Ich habe eben deswegen, weil ich einer weiteren Institution nicht geben kann, was sie braucht, freiwillig die Leitung an der Mailänder Scala niedergelegt.

Foto oben: Holger Kettner

Foto unten: Jonas Unger

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