Kino & Film in Berlin

Ein Interview mit Harald Bergmann

Nach seinen Filmen über Hölderlin und Brinkmann beschäftigt sich der Berliner Filmemacher nun mit Vladimir Nabokov. Ein Gespräch über "Der Schmetterlingsjäger" und die Frage, wie man Worte und Bilder zusammenbringt.

Harald Bergmann

tip Herr Bergmann, wie kam es, dass Sie über Vladimir Nabokov, der unverfilmbare Romane geschrieben hat, einen Film gemacht haben?
Harald Bergmann
?Die Bücher, die man liebt, liest man ja nicht, um einen Film zu machen. Dazu braucht es einen äußeren Anlass. Ich habe an seinen Sohn Dmitri Nabokov einen Brief geschrieben, nachdem mich ein Text seines Vaters über die „Textur der Zeit“ zu beschäftigen begonnen hatte und ich die Strecke, die der Protagonist da fährt, recherchiert habe. Der Anlass kam dann mit der Antwort von Dmitri aus Montreux: „Kommen Sie doch einmal vorbei zum ‚Apero'“.

tip Sie zitieren einen Satz von Dmitri, der eine Leitidee für „Der Schmetterlingsjäger“ enthält: einen großen Stilisten ins Medium Film zu übertragen.
Harald Bergmann
Normalerweise nimmt man aus einem Buch den Plot, sucht gute Darsteller, schöne Kulissen und erreicht so nie das, worum es bei Nabokov geht: den Stil. Der Plot ist das unwirksamste bei Nabokov, er sabotiert diesen ja bewusst. Wir haben dann in vielen Gesprächen zusammen überlegt, wie man überhaupt einen Film über Nabokov machen könnte.

tip Der Roman „Ada oder Das Verlangen“ steht im Mittelpunkt, gerade weil er sich herkömmlich schwer verfilmen ließe. Dazu kommen weitere Texte.
Harald Bergmann
Ja, ich gehe auch von dem autobiografischen „Erinnerung, sprich“ und den in dem Buch „Deutliche Worte“ dokumentierten Interviews aus, die wir im Montreux Palace, dem Hotel, in dem Nabokov lebte, nachgestellt haben. In „Erinnerung, sprich“ beschreibt er, wie er sich diese Frage nach dem Wesen der Zeit schon als Kind das erste Mal gestellt hat. Und zwar als er einen alten Film anschaute, in dem er seine Eltern, seine vertraute Umgebung sah und den neu gekauften Kinderwagen, der für ihn bereitstand. Auf einmal begriff er, dass er selbst zum Zeitpunkt des Drehs also noch gar nicht geboren war, und fragte sich, wo er da war. Nicht nur die Zeit nach dem Tod, die uns so beschäftigt, sondern auch die vor dem Geborenwerden ist ein Abgrund.

Harald Bergmanntip Könnte man bei Nabokov, anders als bei Hölderlin oder Brinkmann, von einem geglückten Leben sprechen?
Harald Bergmann Ich würde schon sagen, dass er einer der wenigen ist, denen das gelungen ist, glücklich zu sein mit der Welt und dem Schreiben. Hölderlin ist das auch gelungen, auch wenn das bei ihm wie Scheitern aussieht. Nabokov aber ist der, der sich das Glück erschrieben hat, auch materiell.

tip Stimmt es, dass Sie Godard für die Rolle von Nabokov im Sinn hatten?
Harald Bergmann
Das stimmt. Godard lebt ja in Rolle, nicht weit von Montreux. Ich habe ihn besucht und gefragt, ob er nicht ?Nabokov spielen will. Nabokov hat ja keine Interviews im eigentlichen Sinne gegeben, er hat dem Fernsehteam gnadenlos seine vorbereiteten Karteikarten vorgelesen. So hätte Godard das auch machen können. Er hat natürlich Nein gesagt. Aber er hat mir etwas Schönes gesagt: „Heute haben die Leute so eine genormte Vorstellung, wie ein Film zu sein hat. Sie treffen sich überall und sind sich darüber einig; und so drehen sie im Grunde alle immer den gleichen Film.“ Da ist schon was dran.

tip Wie kamen Sie überhaupt zum Film?
Harald Bergmann
Mein Initialerlebnis war tatsächlich, mit 18, 19 Jahren dieses Folioheft von Hölderlin zu sehen, das er nur noch für sich geschrieben hat, bevor er dann 1806 mit Gewalt in ein Klinikum abtransportiert wurde. Da blieb das Heft liegen, viele Schichten Text übereinander ergaben ein Gedicht. Das wurde für mich ein Zugang nicht nur zu Hölderlin, sondern zu einem Kompositionsprozess. Es gibt im Film ein Zitat von Bresson: „Cinematograph: Neue Art zu ?schreiben – also zu fühlen.“  Wir können seit hundert Jahren alles in Bildern und mit Ton festhalten. Also muss unser Denken beide Pole einbeziehen: sinnliche Erfahrung und Vernunft. Wie kriege ich die Worte mit den Bildern zusammen?

tip Wird das nächste Projekt wieder einen literarischen Ausgangspunkt haben?
Harald Bergmann
Ja und nein. Ich möchte etwas über die Mythologien machen, die entstehen, wenn die Psyche zusammenbricht. In der Schizophrenie oder Psychose kommt die Mythologie. Der Psychiater Leo Navratil hat das gecoacht, man kann diese Dichtungen als kalkulierten Wahn bezeichnen. Das ist ein Spielfilmprojekt auf dokumentarischer Basis.

Interview: Bert Rebhandl

Fotos: Harry Schnitger

Zur Person
Harald Bergmann, geboren 1963, studierte zuerst Literatur und Philosophie in München, danach Film in Hamburg und Los Angeles, unter anderem bei James Benning. Er wurde vor allem mit Arbeiten bekannt, in denen er sich filmisch mit Literatur auseinandersetzt. Seine Hölderlin-Edition, die vier im Zeitraum zwischen 1992 und 2003 entstandene Filme zu dem großen Dichter umfasst, liegt in einer schönen DVD-Fassung mit beiliegendem Buch vor. Für „Brinkmanns Zorn“, über den deutschen Popliteraten Rolf Dieter Brinkmann, erhielt er den Grimmepreis. Ein fast siebenstündiger Director’s Cut liegt dazu ebenfalls auf DVD vor. Harald Bergmann lebt und arbeitet seit rund zwanzig Jahren in Berlin, in Schöneberg und Charlottenburg.

www.bergmannfilm.de  

Die Hölderlin Passion wird vom 25. bis 27. Juli in der Zwingli-Kirche gezeigt. Dabei wird auch der verstorbenen Schauspieler Walter Schmidinger und Otto Sander gedacht.  www.hoelderlin-film.de

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Der Schmetterlingsjäger“ im Kino in Berlin

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