Kino & Film in Berlin

Ein Interview mit „Jerichow“-Regisseur Christian Petzold

Eine Frau, zwei Männer, Geld und Gewalt: "Jerichow" von Christian Petzold konstruiert ein tödliches Dreiecksdrama in der deutschen Provinz. Ein Gespräch mit dem Berliner Regisseur über Heimatverlust und die gefährliche Leere der Prignitz.

Christian Petzoldtip Herr Petzold, an einer Stelle in „Jerichow“ sagt Ihre Heldin Laura: „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat.“ Ist das Lauras Wahn oder eine gesellschaftliche Wahrheit?
Christian Petzold Der Film gibt in der sechzigsten Minute Laura, der Blondine, die sonst eine Projektionsfigur ist, eine Erzählung. Von diesem Moment an wird das Verhältnis zwischen ihr, ihrem Mann Ali und Thomas komplex. Thomas und Laura wachen auf, nachdem sie zum ersten Mal eine Nacht zusammen verbringen konnten, und Thomas sagt: „Du ziehst zu mir.“ Sie denkt darauf: „Hast du denn gar nichts verstanden? Ich wache hier in einem Haus auf, das ärmlicher ist als das, aus dem ich komme, neben einem Mann, den ich vielleicht liebe, aber ich bin wieder bei einem Mann, der mir sagt, was ich zu tun habe. Wieder wartet eine Art Gefängnis auf mich, da gehe ich doch lieber in das reiche Gefängnis.“ Im Grunde ist dieser Satz eine Er­kennt­nis, dass unsere Gesellschaft auseinanderdividiert ist. Das ist für jeden, der alle fünf Sinne beieinander hat, spürbar. Aber in Filmen und in der Literatur wird erzählt, dass die Liebe diese Schere überwinden kann. In „Pretty Woman“ z.B. ist Richard Gere ein Finanzmarktjongleur, der Firmen zerlegt. Der lernt eine Prostituierte von der Straße kennen, und es entsteht Liebe. Es ist nicht schlimm, wenn man Länder, Gemeinwesen und Finanzen zerlegt, denn die Liebe heilt ja alle Wunden. Laura in „Jerichow“ weiß aber, das gibt es nicht.

tip Laura und Thomas planen, Ali umzubringen. Sind die Schläge ihres Mannes das Motiv für das Verbrechen?
Petzold Es ist das falsche Leben, das man nicht aushält. Morde passieren in geschlossenen Systemen, das hat schon Horst Tapperts „Derrick“ gezeigt. Die Vereinzelung der Figuren in „Jerichow“, ihre Inseln und kleinen Überlebenssysteme wie Ehe, Haus, Auto, Beruf – dieses Nach-innen-Leben ohne Freunde führt dazu, dass sich die geringste Lüge wie eine Metastase in die Konstellation hineinfrisst und Leidenschaft sich als Kriminalität äußert. Ein Film ist ein physisches Ereignis, er hat eine eigene Architektur. Das lernt man im amerikanischen und französischen Kino, dass die Kriminalität aus den Verhältnissen kommt. Und sie ist nicht nur Schicksal, sondern auch Lust. Laura und Thomas schlafen miteinander und erwachen zusammen, und da ist der Liebesglamour weg: So leben wir. Um gegen diese Leere anzugehen und die Lust zu verlängern, wollen sie den dritten fertig machen.

Szenenbild tip Klingt wie Voodoo.
Petzold Man muss sehen, dass Migranten im Osten immer die Händler sind. Ali ist ein Türke, der es schafft, in der trostlosen Prignitz 45 Imbissstuben in einem McDonald’s-Kleinsystem aufzubauen. Er hat Vitalität und Kraft. Der Mord an ihm soll keine individuelle kleine Geschichte an einem Mann sein, der geschlagen hat. Es ist auch mehr drin als der gewöhnliche Rassis­mus. Das Paar will die Vitalität aus ihm saugen, um selber etwas zu haben, was ihm fehlt.

tip Hilmi Sözer spricht mit einem westdeutschen Zungenschlag. Ist Ali ein doppelt Fremder?
Petzold Mir war wichtig, dass er kein Westberliner Türke ist. Wo in Köln und im Ruhrgebiet die Indus­triearbeit noch existiert, gibt es die Ethniendiskussion nicht so wie hier. Egal ob Türke, Italiener, Deutsche, die sind alle Lohnabhängige. Was passiert, wenn die Arbeit abgeschafft ist, sehen wir in Berlin. Wir führen rassistische Diskussionen. Das soziale Gemeinwesen der Arbeit ist zerstört, das ist das Problem. Ich war froh, dass Hilmi Sözer mit seiner Sprache ausdrückt: Egal ob Türke oder Deutscher, ich bin Ruhrgebiet.

tip Der Blick des Films betont das Fremde der Landschaft und der Milieus um Jerichow.
Petzold Ich halte mich schon sieben Jahre mit Filmarbeit in der Prignitz auf. Da werden Stadtkerne renoviert, sehen wunderschön aus und erinnern an die Bürger- und Ständegesellschaft. Aber es gibt kein soziales Leben.

tip Man sieht vereinzelte versteckte Häuser und viele Autofahrten im Film. Von dem titelgebenden Ort Jerichow sieht man nur den Friedhof.
Petzold Das Dorf ist keine Referenz mehr, wo die Figuren sich etwas abholen könnten. Merkwürdig ist, dass in der ehemaligen DDR alle Leute Autos haben und in die Mall fahren zum Einkaufen, nicht in die Stadt. Zum städtischen Leben gehört eben eine Gesellschaft, die verschieden ist und sich reibt. In dem Moment, wo man den Städten die Arbeit entzogen hat, gibt es diese Reibung nicht mehr. Die Leute warten und fahren herum. In solchen Landschaften finden Verbrechen statt, da bin ich mir sicher.

tip Die Isoliertheit der Figuren rührt also nicht aus einem Kammerspiel- und Low-Budget-Konzept her?
Petzold Es macht ja viel mehr Arbeit, eine Stadt nicht zu zeigen und sich an der Peripherie aufzuhalten.

tip Thomas, gespielt von Benno Fürmann, hat wie Robert Mitchum in „Lusty Men“ eine Schatzkiste aus Kindertagen versteckt.
Petzold Die Anfangsepisode ist wie das Ende eines anderen Films, mit dem eine Tür abgeschlossen wird. Wie Robert Mitchum die Kiste unter der Treppe findet und öffnet, ist so stark, dass Wim Wenders sie in „Im Lauf der Zeit“ nachinszeniert hat. Ich habe Benno Fürmann auch von „Lusty Men“ erzählt. Diese Schatzkiste ist wie eine Wunschmaschine des Kindes, das er wieder sein möchte. Aber der Körper ist älter, kaputt, zerstört, und er ist infiziert mit Scheitern, mit Ungeduld. Jeder, der nach Hause will, hat auch eine gewisse Regression in sich, davon handelt die Vorgeschichte in „Jerichow“. Ein Mann liegt im Garten seines Hauses wie tot, dann kommt ein Reh und der Morgen, und ein Zug fährt, und er fängt neu an. Er hat wie jeder, der nach Hause kommt, geträumt, noch mal ein Kind, ein Jugendlicher zu sein, für den die Türen offen stehen. Und er fängt an, geht arbeiten auf dem Flieger bei der Gurkenernte, renoviert das von der Mutter geerbte Haus. Er will Lebenssicherheit und von dieser Insel aus Expeditionen starten, einen besseren Beruf, mit Laura leben. Aber es gibt das Heim nicht, das ist das Brutale.

Interview: Claudia Lenssen

Szenenbild: Hans Fromm

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