Kino & Film in Berlin

Ein Interview mit Maximilian Erlenwein

Maximilian Erlenwein

Manche Kurzfilme sind ein Versprechen: Den Namen dieses Filmemachers wird man sich merken. In dem dreißigminütigen Film „Blackout“ spielt Fabian Hinrichs einen jungen Mann, der nach Berlin zurückkommt und überall in seinem Umfeld auf Ablehnung stößt. Er kann sich aber nicht mehr erinnern, was damals passiert ist. Erst als ein Neuanfang unmittelbar bevorsteht, erfährt er die bittere Wahrheit. „Blackout“ hat Maximilian Erlenwein 2005 an der Berliner Filmschule dffb gedreht, vier Jahre später entstand sein Abschlussfilm „Schwerkraft“, in dem Fabian Hinrichs erneut eine Glanzleistung lieferte als Bankangestellter, der durch einen kriminellen Bekannten Lust am gefährlichen Leben bekommt. Den Kriminellen verkörperte Jürgen Vogel, der jetzt die Hauptrolle in „Stereo“ spielt.

tip Wenn ich mir „Blackout“, „Schwerkraft“ und jetzt „Stereo“ anschaue, sehe ich darin so eine Trilogie: Männer werden konfrontiert mit ihrem Potenzial an Gewalt.
Maximilian Erlenwein Offensichtlich ist da etwas, was mich interessiert, das ist mir nach drei Filmen dann auch klar geworden. Mich faszinieren Abgründe in Figuren. Ich glaube, dass jeder von uns sehr wenig über sich weiß: Ich habe keine Ahnung, wie ich in einer Extremsituation reagieren würde, wenn es um Leben und Tod geht – welche  Seiten sich da plötzlich auftun würden in mir. Ich glaube, dass man viel weniger Kontrolle über sich selbst hat, als man glaubt. Man wird eher kontrolliert von verborgenen Mechanismen, Wünschen und Trieben und hat kaum Zugriff darauf. Wenn dann durch äußere Umstände auch die dunklen Seiten eines Charakters hervortreten, dann ist das immer ein ganz starkes Spannungselement – wenn der größte Feind in einem selbst ist, wenn man mit sich selbst kämpfen muss.

tip Gab es für „Blackout“ einen konkreten Auslöser?
Maximilian Erlenwein Ich hatte einen guten Freund, der eigentlich der netteste und begabteste Mensch war, und der neigte auch zu solchen Ausbrüchen. Diese Zerstörungswut kam aus dem Nichts, für mich absolut nicht nachzuvollziehen. Aber es war eben auch faszinierend, zwei wirklich gegensätzliche Seiten in einem Menschen zu sehen.

Stereotip War die schwierige Akzeptanz deutscher Genrefilme im Vorfeld ein Thema im Gespräch mit dem Verleih?
Maximilian Erlenwein Klar war das Thema. Wir hatten halt Glück, dass der Verleih Wild Bunch das Drehbuch sehr mochte und von Anfang an an den Film geglaubt hat. Natürlich ist es ein Wagnis, weil die Zuschauer es nicht gewohnt sind, dass ein guter Genrefilm aus Deutschland kommen kann. Ich kann es ihnen auch nicht verübeln. Mir geht es ja auch meistens so: Wenn ich zwischen einem amerikanischen und einem deutschen Genrefilm wählen kann, wähle ich den amerikanischen. Es wäre aber traurig und langweilig, wenn es in den nächsten zwanzig Jahren nur deutsche Komödien oder Romanverfilmungen an der Kinokasse schaffen würden. Es muss erst eine Tradition guter Genrefilme entstehen. Die Zuschauer müssen daran gewöhnt werden. Aber wenn keine Genrefilme gemacht werden, kann sich auch nichts ändern. Hätten wir ein FSK 18 bekommen, dann hätte der Verleih wahrscheinlich gesagt, das ist kommerziell ein Desaster, und ich hätte etwas entschärfen müssen.

tip Wie schwierig war es bei diesem Film mit Filmförderungen und Sendeanstalten? Haben die alle gesagt, „Schwerkraft“ war toll, das machen wir wieder – oder war es schwerer?
Maximilian Erlenwein Das war schwerer. Bei den Sendeanstalten nicht, bei den Förderungen dagegen war es nicht so einfach. Da mussten wir ein paar Runden drehen und haben ein paar schmerzhafte Absagen kassiert. Die Förderer, die die Reise mit uns gegangen sind, haben uns aber super unterstützt. Durch die Richtlinien durften wir einen Großteil des Geldes nur in Sachsen Anhalt, NRW und Bayern ausgeben, leider nicht in Berlin – wir waren eine Reiseproduktion. Das nimmt schon bei der Motivsuche teilweise absurde Züge an. Die  Szenen auf dem Land haben wir in Coburg und um Halle gedreht, die Clubszenen in Köln.

Stereotip Nach der Berlinale-Vorführung im Colosseum hast du auf die Frage nach der Entstehung den Film „Mein Freund Harvey“ erwähnt, in dem James Stewart der Einzige ist, der einen mannshohen Hasen sieht …
Maximilian Erlenwein Den habe ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen, da hat sich irgendwie die Idee festgesetzt mit dieser imaginären Figur, das war die allererste Inspiration.

tip Titel und Plakat verraten ja ein Stück weit, wo es langgeht. War das je ein Problem?
Maximilian Erlenwein Einen guten Titel zu finden, ist sehr schwierig. Ich finde nicht, dass da zu viel verraten wird. Wir geben ja auch nach zehn Minuten preis, dass niemand anderes Henry sehen kann. Wenn die Unvorhersehbarkeit dieses Twists den Film ausmachte, hätten wir eh ein Problem gehabt. Aber es ist natürlich immer eine Gratwanderung, wie viel man im Vorfeld verrät.

tip Gab es mal eine Überlegung, die Rollen zwischen Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu zu tauschen?
Maximilian Erlenwein Ganz am Anfang habe ich einmal überlegt, ob Jürgen nicht auch Henry spielen sollte. Aber ich hatte Jürgen das Buch in einem relativ frühen Stadium gegeben und für ihn war klar, dass er Erik spielt. Ich hatte es ein wenig offen gelassen. Ihn als Henry zu besetzen, wäre irgendwie naheliegender gewesen, und gerade deswegen war es besser, es nicht zu tun. Als Gegenpart zu Jürgen brauchten wir jemand, der eine ähnlich starke Präsenz hat, eine ähnliche Physis – da kommt man schnell auf Moritz Bleibtreu.

Stereotip Benötigten die beiden von Regieseite eine ganz unterschiedliche Arbeitsweise?
Maximilian Erlenwein Nö. Die sind beide Vollprofis und irgendwie Bauchmenschen. Die gehen ähnlich an die Sache ran. Ein Fabian Hinrichs, der so viel Theater spielt, mag es zu proben und spielt sich über mehrere Takes warm. Jürgen dagegen steht nicht so auf Proben.

tip Fabian Hinrichs war brillant in den Hauptrollen von „Blackout“ und „Schwerkraft“…
Maximilian Erlenwein Wir haben uns über gemeinsame Bekannte kennengelernt, dann habe ich ihn im Theater gesehen, wir haben uns angefreundet, haben dann auch lange in einer WG zusammen gelebt, zusammen mit dem Hamburger Regisseur Till Franzen („Die blaue Grenze“). Fabian ist ein Ausnahmeschauspieler, wir werden auf jeden Fall wieder zusammenarbeiten. Aber mit Jürgen ist das ja nun auch schon der zweite Film. Ich kenne ihn mittlerweile auch sehr gut und kann mir beim Schreiben vorstellen, wie er eine Szene spielen wird. Auch wenn er mich am Set dann doch wieder überrascht.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Stephan Rabold / Frisbee Films / Wild Bunch Germany 2014

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Stereo“ im Kino in Berlin

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