Führungen

Ein Museum für Heimat

Geflüchtete führen Geflüchtete durch Berliner Museen, das ist die Idee des Projekts Multaka: Dann erzählen alte Stücke neue Geschichten

© Staatliche Museen Berlin, Museum für Islamische Kunst, Foto: Milena Schlösser
© Staatliche Museen Berlin, Museum für Islamische Kunst, Foto: Milena Schlösser

Das Bode-Museum und ich, das ist eine romantische Geschichte“, sagt Kenan Melhem und lacht. „An meinem ersten Tag in Berlin bin ich davor stehen geblieben und habe mich in dieses Gebäude verliebt.“ Ein Jahr ist diese Begegnung nun her. Melhem stolz: „Und inzwischen gehöre ich zum Bode-Museum dazu.“ Als Guide.
Kenan Melhem ist Architekt, 27 Jahre alt und aus Syrien nach Deutschland geflohen. Dass er erst seit Oktober 2015 in Berlin lebt, ist kaum zu glauben, wenn man ihn auf Deutsch reden hört. Als Guide spricht Melhem aber meistens arabisch. Er ist Teil des Projekts „Multaka: Treffpunkt Museum“, das kostenlose Führungen auf Arabisch anbietet. 25 Geflüchtete arbeiten mittlerweile mit: im Pergamon-, im Bode- und im Deutschen Historischen Museum. Die Führungen richten sich insbesondere an arabisch-sprachige Geflüchtete.

Im November 2015 hat Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst, Multaka ins Leben gerufen. Das Projekt wählte zunächst 19 arabisch-sprachige Guides aus, die meisten Geflüchtete. Einige hatten schon in museumsnahen Berufen gearbeitet, andere kommen aus ganz anderen Bereichen wie Jura oder Musik. Die Guides erhielten eine intensive Vorbereitung. Für welches Museum sie arbeiten wollten, konnten sie selbst entscheiden. Die meisten wählten das Deutsche Historische Museum, um die Geschichte ihrer neuen Heimat kennenzulernen.

„Viele Geflüchtete haben einen anderen Blick auf unsere Ausstellungsobjekte“, erklärt Stefan Weber. Wie sieht ein Mensch aus Damaskus die Bilder, die das zerstörte Berlin 1945 zeigen? Oder die Gemälde aus dem 30-jährigen Krieg: „Das ist ein Thema, das hierzulande kaum jemanden berührt“, meint Weber, „aber für Syrer sind Glaubenskriege ein aktuelles Problem.“ Damit Raum für diese Themen ist, sind Multaka-Rundgänge dialogisch angelegt: weniger als Führung, sondern als Gespräch.

Kenan Melhem führt seine Besucher besonders gerne zu Steinplatten-Reliefs aus Syrien, die in der Byzantinischen Kunstsammlung ausgestellt sind: zu Kulturobjekten also, die aus der Heimat der Geflüchteten stammen. Dass die Objekte hier im Museum stehen, zeigt die Wertschätzung, die ihrer Kultur entgegengebracht wird. „Das macht viele Besucher stolz“, erklärt Weber. Und zeigt, wie Integration funktioniert: „Es geht nicht darum, seine Heimatkultur abzustreifen. Sondern darum, die eigene und die neue Kultur miteinander zu verbinden.“ Seit März bietet Multaka arabisch-deutsche Workshops an. In solchen Angebote könnte ein zukünftiger Schwerpunkt liegen.

Multaka erfährt von vielen Seiten Unterstützung. Auch Museum&Location, die Veranstaltungsgesellschaft der Staatlichen Museen Berlin, steht hinter dem Projekt. „Wir waren von Multaka sofort begeistert“, sagt Geschäftsführerin Katrin Hansch „und haben nach einer Möglichkeit gesucht, das Projekt zu unterstützen.“ Im Sommer fand eine großer Empfang auf der Museumsinsel zugunsten von Multaka statt: Die Guides führten durch die Museen, das Projekt stellte sich vor und konnte Spenden sammeln. Museum&Location plant, im Dezember eine ähnliche Veranstaltung zu wiederholen.

Kenan Melhem war in Damaskus selten im Museum. „In der arabischen Welt funktionieren Museen anders: als Orte für alte Gegenstände.“ In Berlin hat er sie als lebendige Orte kennengelernt. Das Bode-Museum ist für ihn ein Stück Heimat geworden.

Multaka Nächster Workshop auf Deutsch und Arabisch: 12.-13.11. „Frauendarstellungen im Islam und Christentum“; Infos unter www.smb.museum oder www.facebook.com/MultakaTreffpunktMuseum

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