Kino & Film in Berlin

Ein Rückblick auf die 48. Hofer Filmtage 2014

Ende Oktober. Wie seit fast 50 Jahren Familientreffen des deutschen Films in Hof in Oberfranken. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Wir sind jung, wir sind stark

Wie die grandiosen Bratwürste. Wie die Prinz-Eisenherz-Figur von Festivalleiter Heinz Badewitz. Wie dessen eigenwilliges Englisch – da ist er ja Berlinale-Chef Dieter Kosslick nicht unähnlich. Wie das alljährliche Fußballspiel am Samstagvormittag. Wie das gemütliche Beisammensein im Hotel Strauss.
Manche Dinge ändern sich jedes Jahr: die Auswahl der Filme und ihre Schwerpunkte. Die liegen 2014 nah an den aktuellen Problemen dieser Welt. Etwa wenn Dokumentarfilmer Stanislaw Mucha in „Tristia – Eine Schwarzmeerodyssee“ nach den Ursachen für die jetzigen Konflikte der Region sucht. Oder wenn Burhan Qurbani im Eröffnungsfilm „Wir sind jung, wir sind stark“ (Szenenfoto oben) eindrucksvolle Bilder findet, um den rechtsradikalen Horror von Rostock-Lichtenhagen anno 1992 in Erinnerung zu rufen und unterschwellig fragt, ob eine solche Hatz auf Asylbewerber bei uns heute noch möglich wäre. Ein schwieriges Thema für einen Spielfilm, aber Qurbani und sein Koautor Martin Behnke umschiffen diverse Klischees und porträtieren sensibel einige desillusionierte Rostocker Jugendliche ebenso wie Vietnamesen mit der Hoffnung auf einer Zukunft in Deutschland.
About A GirlAuffällig im diesjährigen Jahrgang: wenig deutsche Filme mit hohem Budget und prominenten Namen, stattdessen: etliche Debütanten hinter und junge, unverbrauchte Gesichter vor der Kamera. Etwa in „Liebe mich!“ von Philipp Eichholz, er kommt aus dem Umfeld von Axel Ranisch („Dicke Mädchen“). Oder in „Der Kuckuck und der Esel“ von Stefan Arnstedt. Der Film gewann den „Förderpreis Neuer deutscher Film“, und das obwohl oder gerade weil er Strukturen in der Filmlandschaft anprangert. Michael Monheim sorgte mit seiner pfiffigen Tragikomödie „About a Girl“ (Szenenfoto links) für einen fröhlichen Akzent im sonst eher ernsten Programm. Mit glänzenden Dialogen erzählt er von einer fast 16-Jährigen, die sich umbringen will, aber doch den Weg ins Leben zurückfindet. Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer ist zwar schon 25, aber ihr kauft man den Teenie problemlos ab. Monheim erzählte, er habe Bauer gefragt, ob sie denn immer noch einen Teenie spielen wolle, und sie sagte: „Eigentlich nicht, aber das Drehbuch ist so geil!“ Recht hatte sie.
Ein ganz großes Fass will Uwe Janson – bekannt geworden durch Klassikeradaptionen fürs Fernsehen – in dem prominent besetzten „Auf das Leben!“ aufmachen. Hannelore Elsner spielt eine gealterte jüdische Künstlerin, die in einem jungen Möbelpacker (Max Riemelt) die Liebe ihres Lebens aus den 70er-Jahren wiederzuerkennen glaubt. Und so entspinnt sich eine Geschichte um Holocaust, Verrat, Liebe und Krankheit. Doch was großes Epos sein will, wirkt merkwürdig klein. Oft stimmt die Tonalität nicht, fühlt sich das Gesehene artifiziell an.
Ganz anders bei Jonas Grosch. Der Berliner Independent-Filmer hat wieder einmal seine Schwester Katharina Wackernagel mit einer Hauptrolle bedacht. Sie spielt in „bestefreunde“ mit Verve eine junge Journalistin, die von ihrem langjährigen Kollegen im Stich gelassen wird und nun ihren eigenen Weg finden muss. Lebensnah und erfrischend.
Dancing ArabsEbenso wie der neue Film „Dancing Arabs“ (Szenenfoto rechts) des wunderbaren israelischen Filmemachers Eran Riklis, dem die diesjährige Werkschau in Hof gewidmet war. Riklis erzählt in prächtigen Bildern von der schwierigen Odyssee eines jungen Arabers mit israelischem Pass, der sich in den 80ern in einer ihm feindlich gesinnten Gesellschaft durchsetzen will. Riklis, der uns schon so großartige Filme wie „Lemon Tree“ oder „Die syrische Braut“ geschenkt hat, über sein Schaffen: „Ich mache keine politischen Filme, ich mache Filme, um bestimmte Dinge bewusst zu machen.“
Wie immer bietet Hof auch Raum für internationale Produktionen, die vor ihrem deutschen Filmstart hier ihre Deutschlandpremiere feiern. Und da darf sich der deutsche Kinofan auf echte Highlights freuen: etwa die großartige Nabelschau des Michael Keaton („Batman“) in „Birdman“ von Alejandro Gonzбlez Iсбrritu („Babel“), in dem er einen gealterten Superhelden-Darsteller spielt, der es am Broadway noch einmal wissen will. Oder „The Drop“, das US-Debüt des Belgiers Michaël R. Roskam („Bullhead“), eine coole Hard-Boiled-Gangstergeschichte aus der Feder von Dennis Lehane mit einem grandiosen Tom Hardy. Oder „Ich seh, ich seh“ der beiden Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala. Sie erzählen von zehnjährigen Zwillingsbuben, die ihre Mutter nach einer Gesichtsoperation nicht mehr wiedererkennen und zu drastischen Mitteln greifen, um ihre wahre Identität zu erfahren. Als Produzent fungierte Ulrich Seidl, und dann weiß man: Hier geht’s nicht um Wohlfühlkino. Trotzdem waren etliche Hofer Besucher dieses fiesen Horrorfilms ganz schön geschockt. So bleibt das Festival 2014 für jeden anders in Erinnerung.

www.hofer-filmtage.de

Text: RFD

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