Musik & Party in Berlin

Ein Wochenende in Neuköllns Underground-Clubs

tip-Autor Rock Davis schlug sich ein Wochenende in Neuköllns Underground-Clubs um die Ohren. Auf dieser Expedition begegneten ihm reichlich Lokalkolorit und die Touristenschwemme

mette_muhli_loophole_PNlaunch„Schreib deinen Bericht richtig eklig, schreib ihn bitte so, dass hier wirklich niemand mehr herziehen will, wir sind voll, wir brauchen niemand mehr“, bittet mich der Inhaber einer Neuköllner Kultstätte des Nachtlebens, der darauf bestand, hier nicht genannt zu werden. Man könnte über seinen Club schreiben, dass er aus reinem Sperrmüll zusammengezimmert wurde, dass man zum Ort des Geschehens über eine steile Treppe in ein Kellergewölbe hinabsteigen muss und dass es da unten verdammt heiß und verschwitzt ist – doch all dies macht seinen und andere Läden des Neuköllner Nachtlebens für die Gäste nicht wirklich unattraktiv. Zwei Jahre nach dem großen Neukölln Medienhype präsentiert sich das Nachtleben des zuletzt am stärksten von der Gentrifizierung betroffenen Berliner Stadtteils erstaunlich variantenreich, eigen und gut besucht – Zeit für eine kleine Expedition! Underground ist in jedem Fall nicht nur ein Schlagwort in Neukölln. Denn die meisten der coolen Neuköllner Locations befinden sich tatsächlich in Kellergewölben. Von außen ist meist nur ein unscheinbares Cafй oder Ladenlokal zu sehen, in dessen Hinterzimmer es dann bergab geht, in den Kellern befinden sich dann teilweise erstaunlich große Clubwelten für 30 bis 400 Gäste. Unter der Woche werden die Gewölbe teilweise mit Video-, Kino- und sonstigen Unterhaltungsprogrammen bespielt.

Wir starten unsere Clubnacht in einem Prototyp Neuköllner Clubkultur – im The Zone (Reuterstraße 95), welches durch teilweise obskure Veranstaltungsnamen („Stan Libuda#Detox Night“) und einem Angebot von unterschiedlichen Livekonzerten glänzt und auf seiner Website verspricht, jedem „a piece of the unique Berlin spirit“ zu liefern. Womit wohl schräge Typen mit Art-Approach, billige Getränkepreise und unkonventionelle Ausstattung gemeint sind – eben genau das, was sich der abenteuerlustige Clubber aus cleanen Kleinstädten Westdeutschlands, sauberen Metropolen der Welt oder auch nur anderen Ortsteilen Berlins wünscht. Nicht weit entfernt und künstlerisch noch ambitionierter liegt das Loophole Berlin (Boddinstraße 65), dem Space des Rufreaktor Kollektivs, die u.a. während der Berlinale ganz passend die Boddinale veranstalten, auf der es das filmische Werk der Nachbarschaft und darüber hinaus zu sehen gibt. Der Eintrittspreis übrigens schwankt an diesem Abend zwischen drei und fünf Euro, je nachdem, was man zu geben bereit ist, ein Preismodell, dem wir an diesem Abend häufiger begegnen werden.

Eine echte Überraschung bietet uns das Sameheads (Richardstraße 10), das tagsüber ein Modeladen ist und sich am Wochenende zu einer Bar oben und einem Club im Keller verwandelt. Hier ist ein junges, teilweise sehr gestyltes Publikum, es läuft ein heiterer Electromix mit New Romantic Popanleihen. Motto des Abends: „Hut auf Party“, wobei sich ganz anders als sonst in Berlin die junge Generation an dergleichen Motti hält: Fast alle tragen hier Kopfbedeckungen, die Jungs Matrosenkappen, die Mädchen ganz unterschiedliche – von Kapitänsmützchen bis 20er-Jahre-Federgestecke. Gefeiert wird zu Rotkäppchen-Sekt, die Stimmung ist ausgelassen.

Seriös-elektronisch wird es dann im Freudenreich (Sonnenallee 65), ein überraschend geräumiger Kellerclub, der ein wenig an den allerersten Tresor Anfang der 90er-Jahre am Potsdamer Platz erinnert, nur dass Techno von heute läuft. Eine weitere Bar mit Electrofloor in der Nachbarschaft ist das Supersonic (Weichselstraße 15). Frenetisch dagegen ist die Stimmung im umgebauten Fuchs & Elster, einem der ersten Kellerclubs, die mit für den riesigen Hype rund um die Weserstraße verantwortlich waren. Hier wird zu Balkanbeats gegroovt, und es ist wirklich rappelvoll und beim Eintrittspreis von sechs Euro versteht man auch keinen Spaß an der Kasse; manchen der jungen Gäste ist dies aber alles bereits wieder viel zu „touristisch“.

Foto: Mette Muhli / www.mettemuhli.se