Partykino

Ein Wohnzimmer auf 35 Millimetern

Seit zwei Jahren pilgern Filmfans aus ganz Deutschland zur Veranstaltungsreihe „Wir Kinder vom Bahnhofskino“ in den Filmrauschpalast nach Moabit. Wer ein Herz für obskure B-Movies, Geselligkeit und Außenseiter hat, findet hier einen Zufluchtsort auf und vor der Leinwand

Ipke Cornils. Foto: Fionn Birr

Melvin, Schatz ist alles in Ordnung?“ Nein, es ist nichts in Ordnung. Denn Melvin ist vor einigen Minuten in radioaktiven Giftmüll gefallen und mutiert gerade zu „The Toxic Avenger“, einem entstellten Monster-Superhelden im rosa Tütü. In den nächsten 80 Minuten wird Melvin als „Toxie“ mit einem Wischmob als Waffe zahlreiche Verbrechen bekämpfen, bis in seiner Heimatstadt Tromaville wieder Frieden eingekehrt ist. Tromaville ist ein berühmter Ort, auch wenn er auf keiner Landkarte steht, sondern im Filmlexikon. Ipke Cornils und Leo Balk lehnen nebeneinander an der Wand, als Toxie gerade einen Schurken in eine ­Gasse jagt. Sie kennen sich aus in Tromaville. ­Viele alte Independent-Filme spielen an diesem Ort. Etliche Stunden haben sie hier mit ihrem Freund Mathis Raabe schon verbracht.

Mit ihrer Veranstaltungsreihe „Wir Kinder vom Bahnhofskino“ widersetzen sich die drei Studienfreunde seit 2016 einmal im Monat der Gleichförmigkeit des Mainstream-Kinos mit Trash-Filmen, Alkohol und ausdrücklich erwünschten Zwischenrufen. Im Dezember feierten sie die 25. Ausgabe. Es ist auch der zweite Geburtstag ihres Mini-Festivals, das Abseitiges, Vergessenes und Dilettantisches aus den Tiefen der Filmarchive zelebriert.

B-Movies über Monster, Freaks, Antihelden – der Bodensatz der Filmgeschichte ist hier für ein paar Stunden Hochkultur.

Mathis Raabe steht an der Theke und schenkt Schnaps aus, während eine brennende Zigarette in seinem Mundwinkel hängt. Im Vorraum des Filmrauschpalast herrscht Trubel, Gäste reden durcheinander – fast wie auf einem Bahnhof. Jemand fragt, ob man die Tür zum Vorstellungssaal schließen könne. Die Antwort: Nein. „Mittlerweile haben die meisten verstanden, dass die Tür den ganzen Abend offensteht. Neulinge wissen das manchmal noch nicht“, sagt Raabe. „Bei uns ist vieles anders“, ergänzt Leo Balk, und als wenig später Ipke Cornis zwischen die Sitze im Saal stapft und mit geübter Partyzelt-Stimme „Warum seid ihr so leise?“ brüllt, wird klar: Ja, hier ist vieles anders.

Wer ein Herz oder Interesse für Außenseiter hat, findet hier einen Zufluchtsort.„Es kommen Uni-Seminare mit Dozenten, Filmfans, aber auch Leute, die sich nur ­gemütlich betrinken wollen“, sagt Raabe. Die „Bahnhofs­kinokinder“ sind eine Patchwork-Familie auf Zeit. Viele Studenten zieht die ungewöhnliche Mischung aus Alkohol und Nischenkino an, doch auch Menschen mit Affinität für Subkultur verirren sich in den dritten Stock des alten Fabrikgebäudes in der Lehrter Straße. Heute ist auch Olli wieder da, der hier mittlerweile ein kleiner Star ist. Olli ist frühester Fan des Bahnhofskinos, hat sich ein eigenes T-Shirt mit dem Event-Logo gedruckt. Gefunden hat er das Event übers Internet, seitdem reist er alle vier Wochen extra aus Wolfsburg an. Andere haben ­Sticker des Events auf der Uni-Toilette entdeckt. So passiert es, dass Menschen aus Dresden, Hamburg und sogar Finnland anreisen.

Natürlich interessiert sie alle die subversive Filmauswahl, die es selten in Berlin und anderswo zu sehen gibt. Doch das Bahnhofs­kino sticht auch durch zwei andere Aspekte heraus. Die klassische Frage, ob man den Freitagabend ruhig im Kinosaal oder doch in einer Kneipe verbringen will, wird hier überflüssig. Leinwand und Bar sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Außerdem haben Cornils, Balk und Raabe ihre eigenen Gewohnheiten in einen Kinosaal getragen: mit Freunden einen Film gucken, Bier trinken und dabei dumme Sprüche klopfen.

(v.l.n.r.) Leo Balk, Ipke Cornils und Mathis Raabe. Foto: Fionn Birr

Das ist hier Programm. Ständig laufen Menschen aus dem Saal zur Theke, verwickeln sich in Gespräche und vergessen den Film, den sie gerade verlassen haben. Die Atmosphäre einer ausgelassenen WG-Feier trifft hier auf Heimeligkeit und Wertschätzung für verlorene Filmschätze, die für andere bloß Schrott sind. Sechs Euro kostet eine Vorstellung; in der Regel werden drei Filme gezeigt: Geld verdient hier niemand, Spaß haben dafür alle.„Wir haben Stammgäste, die wir namentlich nicht kennen, weil die sich wirklich nur die Filme anschauen. Andere sitzen nur bei uns an der Bar, obwohl sie Eintritt bezahlt haben“, sagt Mathis Raabe. „Wir Kinder vom Bahnhofskino“ ist vieles zugleich: Programmkino, gemütliche Bar und Wohnzimmer.

„Es ist doch nur eine konstruierte Konvention, im Kino ruhig sein zu müssen“, sagt Leo Balk, und ergänzt, das Bahnhofskino schaffe Räume für neue Perspektiven. Keine Streams laufen hier, man sei bemüht, alles auf 35-Milimeter-Filmrolle zu bekommen. Die Filme tragen Namen wie „Dracula braucht frisches Blut“ oder „Der Goldene Nazivampir von Absam 2“ und beinhalten oft überzeichnete, politisch inkorrekte Szenen. Übergriffige Gäste oder gar Saufproleten im Cineasten-Pelz verirrten sich trotzdem nicht hierhin, sagt Ipke Cornils. Soziales Bewusstsein, Rücksicht und Mündigkeit zeichne die Besucher aus.

Die stille Anonymität der kommerziellen Multiplex-Kinos wird im Bahnhofskino durch eine kollektive Sensibilität abgelöst, die Menschen und Geschichten jenseits der Norm fröhlich begrüßt. Kürzlich war eine Seniorin zu Gast, die sich den Blaxploitation-Klassiker „Coffy“ anschauen wollte. Ein Mann aus dem überwiegend jungen Publikum räumte ihr bereitwillig einen Sessel frei und setzte sich auf den Boden. Das Lachen der älteren Dame, die allein gekommen war, soll bis in den Flur zu hören gewesen sein.

Wir Kinder vom Bahnhofskino Einmal monatlich im Filmrauschpalast Moabit, Lehrter Str. 35, Moabit, nächste Veranstaltung Fr 11.1., 22-4 Uhr: Lederhosen Love Edition, Eintritt 6 €

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