Kino & Film in Berlin

„Eine flexible Frau“ im Kino

Smart, analytisch, witzig: Tatjana Turanskyj stürzt in ihrem Film eine Archtitektin in die Krise.

Eine flexible Frau

Auf einem offenen Feld irgendwo am Stadtrand von Berlin steht eine Frau mit hoch fliegendem Haar. Sie hat die Schuhe ausgezogen, wie man es nach einer langen Partynacht manchmal macht. Aber dieser Greta M., die in dieser ersten Szene aussieht wie eine versprengte Protagonistin aus einem Film von Ulrike Ottinger, ist nicht nach Feiern zumute. Sie hat keine Arbeit, das Architekturbüro, in dem sie tätig war, hat seine Berliner Abteilung dicht gemacht, und das kreative Prekariat der Stadt hat ein weiteres Mitglied hinzugewonnen. Greta M. ist plötzlich „Eine flexible Frau“ geworden, wie es der Titel von Tatjana Turanskyjs Film schon programmatisch angekündigt hat.
Nach der Premiere im Forum der Berlinale 2010 gibt es nun auch noch einen regulären Kinostart dieses für die Stadt und einige ihrer künstlerischen und intellektuellen Felder sehr markanten Films. Grund genug, sich mit der Regisseurin zu treffen und ihr ein paar Fragen zu stellen zu ihrer ersten eigenen Arbeit. Welcher Schritte bedurfte es denn, um nach Jahren der Theaterarbeit mit Einar Schleef und der feministischen Videoarbeit in dem Kollektiv Hangover Ltd. so richtig in die Regie überzuwechseln?
Eine flexible Frau„Ich kann mich noch gut an die Antragsprosa im Jahr 2008 erinnern“, erzählt Tatjana Tu­ranskyj. „Ich wollte damals einen Film über die Situation in Berlin machen, vor allem über das Thema Frauen und Arbeit und damit über einen verloren gegangenen Feminismus. Bei der Gruppe Hangover Ltd., mit der ich davor gearbeitet habe, sind wir jeweils von Erfahrungen von uns selbst oder in unserem Umfeld ausgegangen und haben die dann überhöht und andere Layouts darübergelegt. Bei meinem ersten eigenen Film sollte es anfangs um eine Journalistin gehen, die eine Psychogeografie der Stadt erforscht. Das war aber zu künstlich. Es musste eine arbeitslose Architektin sein, denn die Hauptfigur muss einen Grund dafür haben, dass sie durch die Stadt geht, dass sie sich selber Aufgaben stellt und in diesem ganzen Turnus der Prekariatssituation weitermacht. Deswegen macht die flexible Frau Greta diesen Callcenter-Job und leiert Projekte an. Sie spielt Arbeiten, das Spielerische ist aber im Kern sehr ernst.“
Dieses Schillern zwischen Komik und Ernst, zwischen Sarkasmus und Aufrichtigkeit ist eine der wesentlichen Qualitäten von „Eine flexible Frau“. Greta bewegt sich durch Situationen, die viele Merkmale der neuen Arbeitswelt aufweisen: Man ist mit Auftraggebern befreundet, man teilt gemeinsame biografische Stationen (ist aber unterschiedlich erfolgreich daraus hervorgegangen), man hält mühsam familiäre Patchwork-Situationen und berufliche Notwendigkeiten zusammen. In dieser Situation, die auch noch durch die Distanz zu ihrem pubertierenden Sohn geprägt ist, wird Greta (Mira Partecke) zu einer Beobachterin mit geschärften Sinnen, die auf ihren Wegen durch die Stadt eine (ent)privilegierte Zeugin für die Schattenseiten sowohl einer neuen Bürgerlichkeit wie auch der vermeintlichen Bohemisierung des Erwerbslebens wird.
Von der Bürgerlichkeit bekommt sie nur die Spießigkeit in den neuen Townhouse-Gettos mit und von der Boheme die faden Partys ihrer erfolgreicheren Architektenfreunde. Das alles wird erzählt und gespielt und gleichzeitig reflektiert. Tatjana Turanskyj gibt Auskunft darüber, wie das beim Schneiden allmählich zusammengewachsen ist. „Es gibt eine Ebene des Kommentars, die war ursprünglich noch viel stärker ausgeprägt. Es sollte eine explizit feministische Kommentatorin geben. Claudia Zweifel, die an dem Film künstlerisch mitgearbeitet hat, hat dann gesagt: Mach doch einen Mann daraus, dann gibt es eine Distanz und dann wird das anders gehört. Deswegen gibt es nun eben diese Figur Kluge im Film, einen feministischen Blogger und Stadtführer. Und es gibt auch noch eine dritte Ebene, die nenne ich die Stadt der Frauen, das waren ursprünglich Beobachtungen aus dem Leben der Stadt, zum Beispiel ein Treffen mit dem Bund der Unternehmerinnen. Von beiden Ebenen sind noch Elemente im Film, aber sie sind durch den Schnitt nun wesentlich stärker an die Erzählung gekoppelt.“
Eine flexible FrauWenn man den Abspann von „Eine flexible Frau“ genau mitliest, dann wird man feststellen, dass viele von den Konstellationen, die in der Erzählung von Greta eine Rolle spielen, auch die Herstellung des Films geprägt haben, in den ein gutes Maß kollektiver Intelligenz eingegangen ist. Warum ging das nicht mehr im Rahmen einer Gruppe wie Hangover Ltd.? „Die kollektive Intelligenz findet überall draußen in der Welt statt, sehr viel einfach in Büchern, zum Beispiel ‚Talking Cities‘ von Francesca Ferguson, die auch mitspielt. Ich lese gerade ‚The Aftermath of Feminism‘ von Angela McRobbie, das inspiriert mich schon für den nächsten Film. Hangover war eine Gruppe, das war eine schöne Zeit, nicht zuletzt ist das auch meine filmische Herkunft. Kollektive bedeuten aber auch Konflikte, wenn Leute eng, zu eng zusammenarbeiten. Bei Hangover haben wir alles improvisiert, mein Film ist wesentlich geschrieben, das geht im Kollektiv nicht so gut. Dort habe ich auch noch selber gespielt, das interessiert mich jetzt nicht mehr so. Ich gehöre zu einer Generation, die großen Respekt hatte vor Film. Heute macht ja jeder einen Film. Ich aber musste das erst beweisen, dass ich das kann. Jetzt kann ich auch weitermachen.“
Für dieses Weitermachen gibt es nach „Eine flexible Frau“ viele relevante Anknüpfungspunkte. Einer feministischen Sicht auf die Welt will Tatjana Turanskyj auch in ihrem nächsten Projekt zum Ausdruck verhelfen, von dem sie immerhin schon erste Andeutungen verrät: „Es soll dieses Mal um Körperinszenierungen gehen – mich interessieren die Figur der ‚Hure‘ und des ‚Soldaten‘ in der körperlichen und medialen Inszenierung. Ein Presseoffizier der Bundeswehr, eine mittelmäßige Soapdarstellerin, Brechts Hurenlieder – Sexarbeiterinnenlieder müsste man politisch korrekt ja sagen – sollen auch drin vorkommen.“

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Eine flexible Frau“ im Kino in Berlin

Eine flexible Frau, Deutschland 2009; Regie: Tatjana Turanskyj; Darsteller: Mira Partecke (Greta), Katharina Bellena (Loretta), Laura Tonke (Ann); 97 Minuten; FSK 12

Kinostart: 6. Januar

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