Flüchtlinge in Berlin

Eine Geschichte hinter jeder Flucht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt

Es gibt viele Gründe, warum Menschen Asyl suchen, sei es vor Krieg, politischer Verfolgung oder Armut. Aber sie alle teilen die einfachsten Menschenrechte, die sie auch erhalten sollten. Diese sind die dringende Notwendigkeit, in Sicherheit zu bleiben, und auf ein besseres Leben zu hoffen. Berlin war schon immer ein attraktives Ziel, da es sich um eine Hauptstadt und ein multikulturelles Zuhause von vielen unterschiedlichen Migrationshintergründen handelt. Wie stellt sich die Realität heraus? Die Geschichte der Flucht einiger Migranten und die meiner eigenen werde ich als nächstes erzählen. Ein Bericht von Yazan Natour.

Menschen demonstrierten am 8. Februar 2020 in Berlin unter dem Motto „Wir haben Platz“ für die Aufnahme minderjähriger Geflüchteter aus griechischen Flüchtlingslagern. Foto: Imago/epd

Jede Flucht hat eine individuelle Geschichte

„Auf der Suche nach Heimat.“ – Mit diesem Satz beschreibt Wahid Aydin sein Leben, bevor er nach Deutschland kam. Ein 29 Jahre alter junger Mann aus dem Iran, der in eine wohlhabende Familie geboren wurde. Sein Vater ist Politiker und hat dort eine wichtige Position in der Regierung. Obwohl ihm alles zur Verfügung stand, fühlte Wahid Aydin sich fremd und umgeben von Barrieren und Einschränkungen. „Ich musste mich wie ein Roboter verhalten, der einfach nur ja, klar, in Ordnung sagen darf“, sagt er. Wahids liberale politische Sichtweise verursachte für ihn und für seine Familie viele Probleme, aber nach seiner Teilnahme an Protesten musste sein Vater ernsthafte Maßnahmen ergreifen und Wahid wurde für eine Weile inhaftiert, bis er aus dem Land fliehen konnte.

Aufseher im Gefängnis in Teheran – Iran ein Ort, an dem Tausende politische Gefangene leiden. Foto: Imago/UPI Photo

Vor sechs Jahren kam er nach einem langen Schmuggelweg durch fünf Länder nach Berlin. „Ich wusste immer, dass ich die Idee, nach Hause zurückzukehren, vergessen muss. Meine Geschichte ist eine von vielen und die Flucht war unvermeidlich, aber dort gibt es keine Heimat mehr für mich“, berichtet Wahid. Er hat sich an das Leben in Berlin angepasst und konnte ziemlich schnell Erfolg vorweisen. Anfangs arbeitete er in einem Dönner Restaurant. Später erwarb er seinen Führerschein und begann als LKW-Fahrer zu arbeiten. „Glücklicherweise wurde ich hier nie diskriminiert, ich habe mich mit vielen Deutschen angefreundet und keiner von ihnen kümmerte sich darum, woher ich kam, was meine Liebe zur Stadt und ihrer Kultur steigerte.“ Eines ärgerte ihn jedoch immer, der Papierkram und das Hin und Her zwischen den Behörden!

Allein in einer patriarchalischen Gesellschaft

Mayes und Nouralhouda Al Thyab sind zwei Schwestern aus Daraa, Syrien. Es sind Mädchen, die sich mit ihrer Mutter mit der schwierigen Situation auseinandersetzen mussten, ein friedliches, respektvolles Leben in einer Gesellschaft zu führen, in der Männer immer die Führung übernehmen und die Entscheidungen treffen. Was es zu einem schlimmeren Szenario machte, war der anhaltende Krieg und die Schwierigkeiten, die sie alleine durchmachen mussten, ohne sich auf die Hilfe von jemandem stützen zu können. „Es ging einfach darum, zu überleben und gleichzeitig sicherzustellen, dass wir nicht von Fremden, die voller patriarchalischer Vorurteile waren, beurteilt werden“, erzählt Mayes.

Ein Plakat mit der Aufschrift „Frauenrechte sind antirassistisch“ wurde während einer Gegendemonstration zur Marsch der Frauen in Berlin am 17. Februar 2018 gehalten. Foto: Imago/Emmanuele Contini

Das Leben in Berlin erforderte natürlich zunächst einige Anpassungen, aber mit der Zeit wurde es einfacher und sie gewöhnten sich an die vielen Gesetze und Vorschriften. Diese Gesetze gelten für alle und es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Kulturelle und religiöse Vielfalt und Offenheit gegenüber verschiedenen Gesellschaftsgruppen könnten der Hauptfaktor sein, der sie nach Berlin zog. Die Frau hier, auch wenn es nicht optimal in allen Situationen ist, hat völlige Unabhängigkeit und Wahlfreiheit, ohne sich jemandem unterwerfen zu müssen. Die beiden haben sich erfolgreich nach nur zwei Jahren um ein medizinisches Studium beworben und fangen hoffentlich im nächsten Semester an.

Einige Begegnungen in Berlin waren merkwürdig. Die Mädchen wurden mehrmals nach ihrem Kopftuch gefragt, meistens von Frauen oder alten Männern. Die Fragesteller wollten wissen, warum sie Kopftuch tragen. ِAus Überzeugung oder religiös erzwungen? Mayes genießt solche Diskussionen, um die Menschen darüber zu informieren, dass solche Entscheidungen auch aus Zufriedenheit und eigenem Glauben getroffen werden, während Nour dazu neigt, die Antworten zu verkürzen. Druck und Anspannung zwingen die Schwestern manchmal dazu, in Berlin gegen die Zeit anzutreten. Und weil sie im Außenbezirk wohnen, vergehen viele Stunden mit Fahrtwegen.

„Die Flucht war sicher kein Luxus, und wir haben nicht gerade eine glückliche Geschichte über unsere Vergangenheit zu erzählen. Aber wir sind zum Trotz immer noch dankbar. Es könnte viel schlimmer sein“, sagte Nour.

Wohin führt die Zukunft?

Und jetzt zu meiner eigenen Geschichte. Es ist fast zehn Jahre her, dass der Krieg in Syrien ausbrach. Jeder hat viel verloren, manche mehr als andere, aber es ist traurig, dass am Ende das angestrebte Ziel nie erreicht wurde und die einzige betroffene Seite das Volk war. Ich verließ Aleppo vor zwei Jahren und bin nach Berlin gekommen, um Sicherheit, Freiheit und Erfolg zu suchen. Am Anfang fühlte ich mich zwar als Fremder, der nicht hierher gehörte, aber das wurde gelöst, kurz nachdem ich meinen Integrationskurs begonnen und viele großartige Menschen getroffen hatte. Berlin war unglaublich, die Mischung aus Kulturen und der klassischen und doch modernen Stadt, die niemals schläft, ist spektakulär.

Brücke zur Zitadelle, Aleppo, Syrien. Trotz des Kriegs steht sie noch. Foto: imago/imagebroker

Einige Aspekte des Lebens hier mögen etwas routiniert und stressig sein, aber es ist verkraftbar. Es stimmt außerdem, dass das Leben in Aleppo eher kollektiv ist. Das spürt man aber auch in Berlin, in vielen Veranstaltungen und Seminare in der Nachbarschaft. Ab und zu begegne ich der Frage, ob ich irgendwann zurück möchte. Dauerhaft? Weiß ich nicht. Ein Besuch wird irgendwann bestimmt passieren, aber meine Zukunftsträume realisiere ich hier in Berlin – mit größerer Sicherheit. Ich habe viel für die Flucht geopfert, um wieder von vorne zu beginnen. Den ersten Schritt habe ich bereits durch mein Praktikum bei Tip Berlin geschafft, das ein entscheidender Faktor bei meiner Bewerbung an der Universität war. Journalismus und Medienwissenschaft zu studieren war immer mein Ziel, das ich erreichen wollte, zumal dieses Ziel nicht nur die Selbstverwirklichung und Selbstentwicklung, sondern auch die Bewusstseinsbildung einer ganzen Gesellschaft ist. In der Hoffnung, irgendwann die traurige Realität ändern zu können, die in meinem Land aktuell dominiert.

Hinter der Flucht gibt es nicht nur eine Geschichte, sondern auch Hoffnungen und Träume, die zum Leben erweckt werden wollen. Deutschland ermöglichte viele Träume und viele der Einwanderer erzielten unbestreitbare Erfolge und bauen sich eine vielversprechende Zukunft, die nicht nur ihnen zugute kommt, sondern auch der deutschen wirtschaftlichen und sozialen Struktur. Eine Chance in einem europäischen Land kann für die Menschen in Entwicklungsländern ein Traum sein, da jeder ein Leben mit Sicherheit, Würde und der Möglichkeit, dem Erfolg nachzugehen, erstrebt. Egal wie unterschiedlich wir aussehen, uns verhalten oder verstehen mögen, am Ende sind wir alle Menschen.


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