Trinkkultur

Eine heiß gebrühte Geschichte: Tee

Nach dem Kaffee kommt also der Tee. Schließlich passt der gut in eine Zeit, in der sich viele vorgenommen haben, wieder mehr Zeit zu haben. Warum sich die Berliner Teekultur gerade neu erfindet und wo man dem schon wunderbar nachschmecken kann

Foto: Patricia Schichl

Tee trinken, dass war hierzulande ­lange ein doch arg gebeuteltes ­Thema. Nicht nur, dass sich der ganze Geschmack im engen Baumwollsäckchen buchstäblich nicht breit machen kann. Deutschland ist, Ostfriesen einmal weggehört, einfach kein Land der Teetrinker. Knapp 30 Liter trinkt jeder Bundesbürger pro Jahr im Schnitt, beim Kaffee kommen wir auf mehr als 160 Liter. Immerhin: Unser Teekonsum nimmt stetig zu. Und mehr noch als die Quantität steigt die Qualität der zu uns importierten Tees und ihrer kenntnisreich inszenierten Zubereitung. Tee trinken und abwarten, das passt ja irgendwie auch in eine Zeit, in der sich viele vorgenommen haben, wieder etwas mehr Zeit zu haben.

Auch Peter Durhan, der als DJ aus Detroit nach Berlin gekommen war und – als ­Barista – inzwischen Isla Coffee in der Herrmannstraße / Ecke Flughafenstraße betreibt, bemerkt ein steigendes Interesse am Tee. Den oft bemühten Gegensatz aber – dort der rasante, aufputschende Kaffee, da der entschleunigte, achtsame Tee – mag er so nicht stehen lassen: „Die Gäste, die selig ihren Cappuccino schlürfen, suchen auch beim Tee einfach eine Tasse, die sie tröstlich wärmt. Jene hingegen, die sich auch in das Kaffeethema schon richtig hineingeschmeckt haben, suchen auch beim Tee nach den Feinheiten und Unterschieden.“

3,10 Euro kosten die vor Ort in Indien oder Nepal recherchierten und aufmerksam verarbeiteten Weiß- und Schwarztees von Companion Tee im Isla Coffee. Das, so Durhan, sei der gemittelte Preis der verschiedenen Sorten und Qualitäten. Denn was bei Wein oder (Craft-)Bier und selbst beim Kaffee längst üblich ist, unterschiedliche Qualitäten haben auch unterschiedliche Preise, sei beim Tee immer noch schwer vermittelbar.

Wir merken also: Zwischen uns und dem Tee gibt es noch Kommunikationsbedarf. Die Sache mit dem zweiten oder dritten Aufguss etwa: im Isla Coffe werden die Teeblätter, wie in jedem guten Teeladen, mehrfach aufgegossen. Das schont nicht nur die Ressourcen, sondern fördert mit jedem neuen Aufguss auch andere Aromen zu Tage. Weshalb es bei Peter Durhan eines garantiert nicht gibt: den „Tea-to-go“, Weiß-, Grün- oder Schwarztees im Pappbecher zum Mitnehmen.

Unsere Prognose ist ja sowieso: Tee ist gekommen, um zu bleiben. Um diesen Eindruck zu teilen, muss man nur einmal bei der very britischen Teatime im Hilton in der Mohrenstraße einen Nachmittag vertrödeln. Oder sich an der Brew Bar von Berlins entdeckungsdurstigstem Teeladen Paper & Tea durch die Aromen sinnieren. Tee hat potenziell mehr Aromen als Kaffee und sowieso als Wein. Aber das ist ein eher theoretischer Wert. In der Praxis bleibt ein guter Tee aus gutem Grund immer auch ein atmosphärisches Thema.

Ist Tee also der neue Kaffee? Shwan Barber von Companion Tea in der Oranien­straße mag zwar die Situationen vergleichen, in denen das eine wie das andere getrunken wird. Aber: „Kaffee verhält sich da mehr wie Bier und Tee wie Wein, um bei solchen Vergleichen zu bleiben. Wie Bier kann man Kaffee überall produzieren, man muss sich nur die richtigen Rohzutaten liefern lassen. Tee aber wird dort getrocknet, fermentiert, eben verarbeitet, wo die Pflanzen auch gewachsen sind. Man kann keine frischen Teeblätter um die halbe Welt schicken. Gerade deshalb ist die enge Partnerschaft mit den Teefarmen vor Ort so wichtig: aus arbeitsethischen Gründen, aber eben auch für ein tieferes Verständnis des Produkts.“ Diese Reise aber, so Shwan Barber, die habe gerade erst begonnen.

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