Malerei

„El Siglo de Oro“ in der Gemäldegalerie

Goldene Zeiten in globaler Krise: In der Gemäldegalerie lässt die Ausstellung El Siglo de Oro mit Bildern von Velázquez, Murillo und El Greco das goldene Zeitalter Spaniens glänzen – und verortet es in einer Ära des Niedergangs

Diego Rodriguez de Silva y Velázquez, „Conde Duque de Olivares zu Pferde,“, um 1635.
bpk / The Metropolitan Museum of Art / Malcolm Varon

Spanien im 17. Jahrhundert war groß: Über mehrere Kontinente erstreckte sich sein Einflussbereich, es gab Volksaufstände, Kriege und einen Staatsbankrott. Und dabei erlebte das Land trotz aller Umwälzungen eine Blüte der Kunst. Sie stützte das System, die Macht Philipps des IV. Aber nicht nur. Fleißig wurden Bilder für Hof und Kirche gemalt. El Greco, Diego Velázquez und viele andere feierten jenes fromme und heroische Spanien, das sich bis heute in den Köpfen verankert hat.
Schier endlos erscheint die Zahl der Heiligenbilder, welche die Ausstellung „El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez“ in der Gemäldegalerie auffährt. Der „Heilige Ildefons“, die „Heilige Margareta von Antiochien“, die „Heilige Theresa von Ávila“ oder der „Hl. Franziskus“ sind nur einige davon. Dazu kommen „Das Schweißtuch der Heiligen Veronika“ von Francisco de Zurbarán und die unbefleckte Empfängnis, 1613 prächtig idealisiert von El Greco. Eine der spektakulärsten Leihgaben ist Gregorio Fernández‘ monumentale Holz-Skulpturengruppe der Passion Christi. Sie wird noch heute in der Karfreitagsprozession durch die Straßen Valladolids getragen. Doch was sagt das „Goldene Jahrhundert“, das bis um 1700 währte, den Menschen? Himmel hilf in desolaten Zeiten? Gibt es vielleicht sogar Parallelen zu unseren Tagen? Kuratorin María López-Fanjul y Díez del Corral findet: „Es hat viel mit der Gegenwart zu tun.“  Dies vor allem „wegen der politischen und sozialen Krisen und der Art, in der Kunst Fragen stellt und Antworten gibt.“ Die Meister wie etwa Bartolomé Esteban Murillo oder Zurbarán malten natürlich nicht nur Adelige, Minister und Madonnen. Sie blendeten zwar in ihren Auftragswerken häufig den bedrückenden Alltag zugunsten einer schmucken Darstellung von Ross und Reiter oder kirchlicher Mysterien aus, griffen aber auch eine neuartige, naturalistisch unmittelbare Genremalerei auf.
Der Kontrast zwischen Kunstblüte und dem Kampf ums bröckelnde Imperium war riesig. Gilt doch das 17. Jahrhundert als Zeitalter der globalen Krise. Sie schlug sich in Spanien in Aufständen, Epidemien, Hungersnöten und kriegerischen Auseinandersetzungen nieder. Dem Hofmaler im Dienste König Philipps IV., Velázquez, blieb die Kehrseite der Pracht nicht verborgen. Er zeigt einen nachdenklichen Kriegsgott „Mars“ oder den kleinwüchsigen Hofnarren.

Erstmals ist die Vielfalt der spanischen Malerei und Skulptur des 17. Jahrhunderts nun außerhalb Spaniens zu bewundern – so umfangreich wie nie zuvor in Deutschland. 64 Leihgeber – vom Prado über den Louvre bis zum Metropolitan Museum in New York – steuern rund 130 Werke bei. Aus dem Berliner Kupferstichkabinett ergänzen Zeichnungen das Spektrum in einem extra Raum. „Das machen wir, um die Zeichenkunst als selbständig zu präsentieren“, erläutert die Kuratorin.
Gegliedert ist die Schau chronologisch und nach Regionen. Sie stellt die wichtigsten spanischen Kunstzentren vor: Madrid mit dem Protagonisten Velázquez am Hof. Dann das von kirchlichen Auftraggebern dominierte Valencia sowie Andalusien, ebenfalls eine Hochburg der katholischen Kirche. Hier wurden religiöse Bilder für den Export nach Amerika produziert. Toledo, wo El Greco an den überlangen Gliedmaßen seiner Figuren feilte, nimmt aufgrund seiner Persönlichkeit eine Sonderstellung ein.
Deutlich werden die eklatanten Gegensätze zwischen den Exzessen der politischen wie religiösen Eliten und der sozialen und ökonomischen Realität: Philipp IV. und sein Günstling, Don Gaspar de Guzmán, Conde Duque de Olivares, der Minister Nummer eins im Königreich, machten die Kunst zum wichtigsten Werkzeug der Propaganda. Velázquez verewigte den Auftraggeber auf seinem Schimmel, prächtig aufgeputzt, sozusagen bereit für neue Heldentaten.
„Wir versuchen zu erklären, wie die Künstler für den Hof und die Kirche gearbeitet haben und einen Teil ihrer Kunst der Propaganda unterwarfen, aber gleichzeitig Wege fanden, um die Realität zu zeigen – wie beispielsweise Murillo in seinen „Pastetenessern“, erklärt María López-Fanjul. Auch unbekannte Künstler werden zu entdecken sein. „Darüber hinaus breiten wir drei verschiedene Themenbereiche aus: Landschaft, Malerei und Skulptur, sowie Porträt.“ Letzteres beherrschte Velázquez wie kein Zweiter.

„Wir präsentieren den Meister Velázquez, aber auch, warum er zu dem großen Maler wurde. Es geht nicht nur um schöne Bilder. Wir werden auch viel lernen“, kündigt Maria Lopez-Fanjul an. Die Ausstellung soll neue Perspektiven auf die Kunst der Zeit ermöglichen. Nicht zuletzt, weil sie zeigt, inwiefern politische Umbrüche und ein gesellschaftlicher Wandel Auswirkungen auf das kulturelle Leben und die Kunstproduktion einer ganzen Epoche haben können.
Und was war an der Zeit so golden? Eine der Theorien der Historiker besagt, dass
die spanische Kunst vor allem deshalb zur Blüte gelangte, weil die Halbinsel selbst von kriegerischen Auseinandersetzungen
fast verschont blieb. Die Militärmacht war in den – heutigen – Nachbarländern aktiv,
während zuhause relativer „Frieden“ herrschte. Wie auch immer, die Kunst konnte im Goldenen Zeitalter eine eigene Bildsprache entwickeln. Sie fesselt bis heute.

El Siglo de Oro. Die Ära Velázquez Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa+So 11–18 Uhr, 1.7.– 30.10., 14/ erm. 7 €, www.el-siglo-de-oro.de

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