Stadtleben und Kids in Berlin

Elisabeth Ruge über das Leben mit psychisch kranken Eltern

Frau Ruge, wir freuen uns sehr, dass Sie die Schirmherrschaft für unsere Benefiz-Auktion zugunsten des Patenschaftsangebots für Kinder psychisch erkrankter Eltern von AMSOC e.V. übernommen haben. Warum ist dieses Thema wichtig?
ELISABETH RUGE:
Die psychische Erkrankung der Mutter oder des Vaters bedeutet oftmals, dass es bei den Kindern das große Gefühl einer Einsamkeit gibt, auch wenn die Eltern physisch anwesend sind. Die Eltern sind oftmals sehr abgelenkt durch das, was in ihnen geschieht, und halten sich in einer Art Parallelwelt auf. Die Kinder spüren intuitiv, dass sie etwas ganz massiv von ihnen trennt. Und dieses Gefühl der Einsamkeit kann natürlich traumatisch sein.

Wie erleben die Kinder ihren Alltag?
Der Alltag mit psychisch schwer erkrankten Eltern ist oftmals eine Aneinanderreihung von kleinen Katastrophen. Das Kind ist permanent mit Sachen konfrontiert, die ihm Angst machen, es vielleicht auch geradezu wütend machen, weil es sich nicht darauf verlassen kann, dass das vorbereitet wird, was es braucht, beispielsweise für den Schulalltag. Das frustriert, macht traurig und gibt einem auch das Gefühl, dass man in einer Familie aufwächst, die ganz anders ist als die Familien aller anderen.                      

Sind psychische Erkrankungen stärker tabuisiert als körperliche?
Ja, im gesamtgesellschaftlichen Rahmen sicherlich. Und für die Kinder ist eine psychische Erkrankung ihrer Eltern oftmals noch schwerer zu begreifen als eine physische. Psychische Erkrankungen sind oft unsichtbar in dem Sinne, dass keine physische Wunde sichtbar wird, dass sich vieles im Inneren abspielt und manchmal in Regungen und Symptomen zeigt, die für Außenstehende nicht richtig deutbar sind.

Wie äußert sich diese Tabuisierung?
Manchmal sogar in einer gewissen Respektlosigkeit. Wenn jemand beispielsweise eine schwere Depression hat oder völlig konzentrationsunfähig ist, weil er in einer manischen Phase ist, dann wird dem Kranken womöglich nahegelegt: Jetzt reiß dich mal zusammen. Das ist wirklich unfair und sehr hart. Fast jeder durchläuft in seinem Leben einmal irgendeine Art psychischer Krise. Menschen spüren intuitiv, dass jeder von uns so etwas in sich trägt, ob es nun zum Ausbruch kommt oder nicht. Und dadurch will man es erst recht von sich wegschieben. Es herrscht oftmals eine unausgesprochene Angst vor psychischen Erkrankungen, man fühlt sich latent bedroht, es ist unheimlich.

Ihre eigene Mutter war psychisch erkrankt. Woran haben Sie das als Kind gemerkt?
Ich habe das als Kind an dieser Abwesenheit gemerkt, oftmals einer physischen Abwesenheit, weil meine Mutter viel in der Klinik sein musste. Aber auch wenn sie zu Hause war, hatten wir doch das Gefühl, dass sie oftmals emotional ganz woanders engagiert ist, und ich habe natürlich auch erlebt, wie sie durch schwere Krisen gegangen ist. Sie hat mit uns, meinem Bruder und mir über Dinge kommuniziert, die für uns nicht sichtbar, nicht verständlich waren, und aus denen wir dann geschlussfolgert haben, dass sie sich in einer anderen Welt mit anderen Figuren befindet. Wir haben versucht, das in irgendeiner Weise so zu rationalisieren, dass es für uns nicht zu bedrohlich wurde, aber wir haben vieles einfach unterdrückt. Ich hatte zum Glück eine präsente Familie – Tanten, Großmutter –, die sehr geholfen hat.

Wie kann die Familie helfen?
Das Wichtige ist, dass man jemanden hat, auf den man sich verlassen kann. Das ist vor allem ein emotionales Bedürfnis. Man möchte als Kind nicht unbedingt etwas erklärt bekommen, sondern man möchte das Gefühl haben, dass man beschützt wird und dass da jemand ist, der ganz einfache Dinge mit Verlässlichkeit für einen erledigt, das Pausenbrot schmiert oder zur Choraufführung im Publikum sitzt.

Wer hat Ihnen dieses Gefühl der Verlässlichkeit gegeben?
In unserem Fall war das ein Kindermädchen – und natürlich auch mein Vater. Dennoch hatten wir eine große Sehnsucht nach unserer Mutter und haben diese Einsamkeit und diese Verwirrung gespürt. Es ist aber oftmals so, dass Kinder dazu neigen, überzurationalisieren. Man wird so vernünftig und versucht so sehr, der Lage Herr zu werden, dass man diese zuverlässigen, warmherzigen und Liebe gebenden Erwachsenen braucht, um sich aus dieser Rolle der kleinen Person, die mit einem Übermaß an Vernunft auf eine zutiefst unvernünftige Situation reagiert, auch wieder fallen lassen zu können und sich selber diese Entspannung zu gönnen.

Andere können die Kinder auffangen?
Ja, natürlich, das ist eine ganz wichtige Botschaft. Es ist für das Kind durchaus möglich, Bezüge zu anderen Personen herzustellen, die ihm Geborgenheit und Stabilität vermitteln. Kinder können nur dann ein Selbstbewusstsein aufbauen, wenn sie kontinuierliche Zuwendung erfahren, das ist ganz entscheidend. Deswegen erscheint mir dieses Angebot von AMSOC so vielversprechend.

Im Patenschaftsangebot von AMSOC bekommen die Paten Schulung und Supervision. Warum ist das notwendig?
Die Konfrontation mit einer psychischen Erkrankung spricht vieles in einem selber an und lässt es in Wechselwirkung treten. Das ist das eine. Das andere ist, dass man, wenn man sich um ein Kind sinnvoll kümmern will, das aus einem sehr schwierigen Alltag zu einem kommt, in irgendeiner Weise geschult werden muss, um zu erkennen, was die Bedürfnisse dieses Kindes sind oder woran es im Moment zu tragen hat, obwohl es das nicht richtig in Worte fassen kann.

Wie sollte man auf so eine Situation reagieren, was wünscht sich ein Kind?
Einerseits sollte man ganz sicherlich im Zusammensein und Gespräch signalisieren, dass man die psychische Erkrankung der Eltern oder eines Elternteils gar nicht so befremdlich, bedrohlich oder gar peinlich findet. Man darf die Eltern auf keinen Fall abwerten. Auf der anderen Seite hat ein Kind einfach auch das Bedürfnis nach einer gewissen Unbeschwertheit. Wenn das Kind mit dem Paten zusammen ist, sollte es einfach auch etwas Normalität erfahren und Schönes erleben.

Wünschen Sie sich manchmal, Ihre eigene Biografie wäre eine andere?
Nein. Auf gar keinen Fall!

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Markus Wächter

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So 17. März, 12 Uhr
im ? Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten
Eintritt auf Spendenbasis, Tickets über www.tipi-am-kanzleramt.de/de/programm-tickets/ oder Tel: 39 06 65 50

 

 

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