Berliner Schriftstellerin

Emma Braslavsky hat einen Roman über Liebe und Androiden geschrieben

Ein künstlicher Partner, der uns jeden Wunsch von den Lippen abliest? Emma Braslavsky spielt diese Idee in ihrem Androidendrama „Die
Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ radikal durch

Stefan Klüter/ Suhrkamp Verlag


Können Sie sich vorstellen, Sex mit einem Roboter zu haben? In Umfragen beantwortet fast jeder dritte Deutsche diese Frage mit „Ja“. Das Liebesleben von und mit künstlicher Intelligenz erobert gerade auch die Popkultur, man denke nur an Robert Rodriguez’ Manga-Verfilmung „Alita. Battle Angel“, Ian McEwans Roman „Maschinen wie ich“ oder Sophie Wennerscheids Studie „Sex Machina“.

In diese Reihe passt auch der neue Roman der Berliner Autorin Emma Braslavsky. „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ spielt in einem Berlin in nicht allzu ferner Zukunft. Partnerschaften zwischen Menschen haben in dieser flirrenden Stadt Seltenheitswert, die meisten leben mit einem Androiden zusammen. Die passenden künstlichen Partner für diese „Liebe 3.0“ gibt’s auf Bestellung, Upgrades nach sexuellen Vorlieben sind problemlos möglich.

Völlig unrealistisch sei das nicht, erklärt Emma Braslavsky in einem Kaffeehaus unweit ihrer Wohnung in der Nähe des Landwehr­kanals: „Ich übertreibe die Entwicklungen mit den Liebesrobotern bewusst, um darauf hinzuweisen, dass wir nur ein paar Schritte von dieser Welt entfernt sind. Es gibt aber schon die ein oder andere Puppe, die man sich als Ersatz bestellen kann. Und Cyber-Sex ist auch nichts Neues.“

Die Gegenwart ist der Ausgangspunkt für den vierten Roman der in Erfurt geborenen Wahlberlinerin. Bei ihren Recherchen in Datingportalen und Partnerbörsen habe sie festgestellt, dass immer weniger Menschen kompromissbereit seien. Alle träumten den Traum von absoluter Autonomie. „Viele wollen, dass permanent ihre Wünsche erfüllt werden“, sagt die 48-Jährige. „Und wenn sie selbst mal die Wünsche von anderen erfüllen, ist das immer an Bedingungen gebunden. Die bedingungslose Liebe existiert bei vielen Menschen tatsächlich nicht mehr, das können wohl nur noch Maschinen leisten.“

Die beschreibt sie folgerichtig als gefügige Wunscherfüllungsgehilfen ohne Ansprüche. „Die willfährigen Liebesandroiden in dieser Geschichte sind ja nur Projektionen, Simulationen menschlicher Träume. Und wenn Wünsche immer nur erfüllt werden, kann das ganz schön einsam machen“, erklärt sie. Einsamkeit ist in Berlin gerade ein Thema, die Suizidrate in der Stadt steigt, hat Braslavsky bei ihren Recherchen herausgefunden. Das übernimmt sie für ihre Geschichte. Zurück bleiben An­droiden ohne Bindung und ein Staat, der auf den Bestattungskosten der Selbstmörder sitzenbleibt. Ein Suiziddezernat soll deshalb Verwandte ausfindig machen, die diese Kosten übernehmen. Die High-Potential-Androidin Roberta soll als Sonderermittlerin die Aufklärungsrate verbessern. Doch Neid, Willkür und Egoismus führen sie in das dunkle Herz unserer Zeit, wo der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen ist.

Sklaven ihres Betriebssystems


Roberta gehört nicht zum Dienstleistungsheer der Haushaltsroboter, sondern arbeitet auf einer Ebene mit ihren menschlichen Kollegen und Kolleginnen. Weil sie mit ihren Sensoren und Detektoren jede Untersuchung selbst vornimmt, ist sie patenter als ihre misstrauischen Kollegen. „Da kriegt man es natür­lich mit der Angst zu tun, das uns solche Roboter eines Tages ersetzen“, räumt Braslavsky ein. Dabei vergesse man aber, dass sie Sklaven ihres Betriebssystems seien. Selbstbestimmte Abweichungen von ihrem Programm seien schlicht nicht möglich. Dass in 20 Jahren dennoch jeder so ein Ding zuhause hat, daran hat sie keinen Zweifel. Sie selbst wäre eine der ersten, die sich einen Androiden bestellen würde – für den Haushalt, vielleicht aber auch als Nebenlover.

Der Mensch sei der Maschine näher als dem Tier, ist sich Braslavsky sicher. „Die ­Maschinerie ist irgendwie in uns allen. Sie funktioniert wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen“, sagt sie. Dies zeige auch das Dilem­ma unseres Daseins, so Braslavsky, denn wir wollen mit ihnen zwar das Ideal des Menschen schaffen, hätten zugleich aber Angst vor diesen Wesen.
Was ist der Mensch? Diese Frage zieht sich durch Braslavskys Werk. Ihre Antwort ist universell: „Ich glaube, wenn es überhaupt etwas gibt, was menschlich ist, dann ist es Lesen und Literatur. Das ist das Menschlichste, was man sich überhaupt vorstellen kann.“ 

Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten von Emma Braslavsky, Suhrkamp Verlag, 270 S., 22 €