Musik & Party in Berlin

„Erdmöbel“, „Mutter“ und Nils Koppruch retten den deutschen Song

Nils Koppruch, Markus Berges (Erdmöbel) und Max Müller (Mutter) gehören zu den besten
deutschen Songschreibern. Bei ihren neuen Platten lohnt es sich, ganz genau zuzuhören.

Nils Koppruch

Wie man einen Hit schreibt, weiß Markus Berges genau. Die innere Logik von Songs, die allein dazu gemacht wurden, um die Charts zu stürmen, hat der Erdmöbel-Sänger penibel studiert. Reihenweise Millionenseller hat er mit seiner Band auf ihre Gewinnformel hin geprüft. Ein Dutzend davon – von Kylie bis Vengaboys – landete 2007 auf dem drolligen Album „No 1 Hits“ – in eigenen Versionen, staubtrocken ins Deutsche übertragen. Die Beschäftigung mit den Superhits hat Berges und Co. weiter gebracht. Nicht nur, weil Erdmöbel auf die Art zum ersten Mal selbst eine nennenswerte Chartnotierung einfuhren. Auch, was den eigenen Standort angeht. „Wir wissen jetzt definitiv, dass wir eigentlich kein Pop sind. Denn Pop bedeutet populär“, resümiert Bassist und Produzent Ekimas. Sollte das neue Album, „Krokus“, dennoch zufällig in den Charts auftauchen, wäre das nicht mal Hexenwerk. Man wird diesen Spätsommer wohl kein zweites deutschsprachiges Album finden, das derart leichtfüßig groovend daherkäme wie das fünfte der Kölner. Weich eingebettet in den Bandsound ist Berges’ Stimme, in der sich Eleganz und Lakonie wundersam durchdringen. Aus seinen Lippen entwickeln selbst absurde Wendungen Ohrwurmcharakter а la: „Ausstellung über das Glück im Hygiene-Museum Dresden“.
Es sind Texte, in denen sich die ganze schräge Pracht deutscher Kleinbürgerlichkeit spiegeln. Als Quellen der Inspiration dient Berges Prosa aus Amtsblättern, Baumarkt-Annoncen, Provinzzeitungen und Routenplänen der Deutschen Bahn. Futterale, Ladegeräte, Silage-Planen und Nothammer kommen zur Sprache, daneben deutsche Flusslandschaften um Sorpe, Banfe, Schobse und Milz. Auch ein „Fick dich, Liebling“ ist da irgendwie schön. Wie Ulk wirkt die verkrachte Idylle jedoch keineswegs. Selbst wenn die Band manchem ­ihrer Ohrenschmeichler selbst eine „fast schon sacropopmäßige Happy-Happy-Attitüde“ attestiert. Immer bleibt doch die Chance, dass einem das Lächeln im Gesicht einfriert. „Natürlich haben wir einen selbstironischen Abstand. Den sollte auch jeder vernünftige Menschen haben“, sagt Ekimas. „Humor wird aber erst möglich, wenn wir das, was wir tun, total ernst meinen. Nicht im Sinne von ‚bierernst‘ – aber total ernst.“
MutterDass auch Mutter (links) ihre Sache, wenn nicht todernst, so doch tief ernst nehmen, zeigt allein ihre Bandvita, die sich seit bald 25 Jahren konsequent jenseits kommerzieller Wahrnehmung abspielt. Ihr jüngstes Album – „Trinken Singen Schiessen“ – haben die Berliner Protopunks denn auch gleich ganz vorbei an gängigen Finanzierungswegen verwirklicht. Dafür fertigte Sänger Max Müller, der gleichzeitig Maler und Grafiker ist, 99 limitierte Radierungen an, die zu je 100 Euro übernommen werden konnten. Die Hörer werden somit zum Mäzenenkollektiv – ein uraltes Modell. In den Songs bieten Mutter einmal mehr eine etwas andere Art von Kopfhörermusik: unbequeme Klänge mit offen unvernähten Bruchstellen, ein Freispiel zwischen lauerndem Drone-Rock, balladenhaften Storys und skurrilem Orchesterpop samt Oboen und Kinderchor. Im Dickicht aus Riffs und Feedback, das live in die Magengegend drückt, erwachen Müllers Wörter teils zu irritierendem Eigenleben. Die Zeile „Sie sind Wohltäter und wir sind Opfer“ etwa bürstet Müller so lang gegen den Strich, bis sie sich mit schwelendem Sprengstoff aufgeladen hat („Wohltäter“). Woanders gerät eine Pärchenidylle ohne Vorankündigung zum Alptraum, in dem göttliche Liebende plötzlich zu geifernden Figuren eines Horrorkabinetts mutieren, während der Song einer gewaltigen musikalischen Implosion zutreibt.
Wo Max Müller selbst als Mittvierziger noch die selbe verwundete Aggressivität ausstrahlt wie zu Zeiten als junger Punk, ver­körpert Nils Koppruch (Foto oben) – ähnlicher Jahrgang – den ­lakonischen Großstadt-Cowboy. Seit dem Ende seiner Hamburger Alt-Country-Truppe Fink nimmt der Mann für nachwachsende Songschreiber zunehmend die Rolle des Elder Stateman ein: für die Liga deutscher Angry Young Men wie Gisbert zu Knyphausen, für Bands wie Kettcar und Tomte, die Koppruchs neues Album nun auf dem hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef herausbringen. „Caruso“ heißt die Platte, in der Koppruch wieder mit komprimierten Lebensweisheiten die kleine persönliche Rebellion feiert: als Outlaw zwischen den Rädern der Abhängigkeiten – ob im Geschäft mit der Kunst oder der Liebe, die Koppruch meistens aus der Retrospektive besingt. Dort wo in den Texten von Kollegen wie Knyphausen letztlich Vertrauen in überkommene Lebensmodelle aufscheint, hält Koppruch das zerrupfte Fähnlein unbedingter Freiheit hoch. „Der Vogel singt nur, bis du nach ihm greifst“, singt er schelmisch zu den üppigen Akustik-Arrangements seiner neu formierten Band. Zwischen Lebensfeier und Totentanz liegen da oft nur ein paar Gitarrenbünde.

Text: Ulrike Rechel

Foto Nils Koppruch: Kerstin Schomburg

Foto Mutter: Mutter

Mutter, Do 5.8., Festsaal Kreuzberg, 21 Uhr, VVK: 15,50 Euro, Album am 6.8.

Nils Koppruch & Band, Mi 15.9., Comet Club, 20 Uhr, VVK: 13,90 Euro, Album am 13.8.

Erdmöbel, Fr 17.9. Lido, 20 Uhr, VVK: 18,60 Euro, Album am 17.9.

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