Diversity

Erfahrungen von Einwanderern und deren Kindern

Erfolg trotz Hürden: Lange blieben die Erfahrungen von Einwanderern und deren Kindern weitgehend ungehört. Nun entdeckt man in ihnen einen neuen Schatz. Und sucht Antworten auf die Frage, wie gesellschaft­licher Wandel gelingen kann

Foto: Adi Levy / www.adilevy.com

Er wirkt ein bisschen verloren, als er im Kinosaal des Martin-Gropius-Baus die Bühne betritt und auf einen Sessel zusteuert. Ohne seinen Fußballer-Dress, nur in Jeans und Blouson gekleidet, erscheint Hertha-Stürmer-Star Salomon Kalou wie ein x-beliebiger junger Mann. Fast so, wie sie nun auch vor ihm in den Zuschauerreihen sitzen: Teenager mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Fluchterfahrungen.

Der von der Elfenbeinküste stammende Kicker ist angetreten, zu erzählen „Wie ich wurde, wer ich bin“. So heißt die Vortragsreihe, die mit Kalou ihren Auftakt hat und die zum Bildungsprogramm MGB Perspektive des Martin-Gropius-Baus gehört. Auf das Podium eingeladen sind „Menschen mit besonderem Lebenslauf“, Migranten – oder die dafür gehalten werden. Wie etwa Mo Asumang, eine schwarze deutsche Regisseurin, die mit ihren Dokumentarfilmen „Roots Germania“ und „Mo und die Arier“ Rassismus entgegentrat, indem sie etwa Neonazis vor laufender Kamera mit deren wirren Theorien konfrontierte.
Auch Salomon Kalou, das erzählt er, hat Rassismus erfahren. Und sich davon ebenfalls nicht stoppen lassen. Doch seine größte Herausforderung hatte er bereits im eigenen Land bewältigt: Mit einem Geburtsfehler geboren, wurde Kalou seine Karriere als Spitzensportler nicht in die Wiege gelegt. Mit dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten, Disziplin und ständiger Lernbereitschaft überwand der Ivorer die schlechten Startbedingungen.

Man kann es schaffen – ihr könnt es schaffen! Diese Botschaft ist Kern des MGB-Bildungsprogrammes. Gestartet im „Flüchtlingsjahr“ 2015, will das Programm zur Integration beitragen. Eine der wichtigsten Ressourcen dabei: Menschen, die Einwanderung, Sprachschwierigkeiten, Rassismus, Isolation, Probleme mit der Anerkennung von Bildungsabschlüssen oder der Erteilung von Aufenthaltserlaubnissen selbst erlebt – und gemeistert haben. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ankunft der ersten Gastarbeiter sichtet man bei Migranten und ähnlichen gesellschaftlichen Randgruppen derzeit einen Schatz: ihr Potenzial als Vorbilder. Denn wer sich, trotz aller Hindernisse, seinen Platz erobern konnte, besitzt einzigartige Erfahrungen. Auch im Farafina Afrika Haus spitzt man demnächst die Ohren, wenn Sängerinnen wie Mfa Kera, die über Madagaskar und den Senegal nach Berlin kam, oder Ranzie Mensah, eine gebürtige Ghanaerin, die in Italien und Berlin wohnt, darüber berichten, wie sie mit den Aufs und Abs in ihrem Leben umgegangen sind.

Einer der ersten, der in Berlin systematisch aus den Erfahrungen von Migranten und Migrantenkindern schöpfte, war der gebürtige Laote Van Bo Le-Mentzel, ein Architekt und Erfinder der Hartz-IV-Möbel. Zwischen 2005 und 2015 lud er regelmäßig Spitzensportler, wie den afrodeutschen Basketballspieler Ademola Okulaja, Politikberaterinnen wie die aus Afghanistan stammende Mariam Tutakhel oder Biotechnologen und Kuratoren, wie Dr. Bonaventure Ndikung, ein Kameruner, zu „School Talks“ in die Weddinger Ernst-Reuter-Schule ein. Viele Schüler, die an dieser Schule zu 84,8 Prozent „nichtdeutscher Herkunftssprache“ sind, sahen sich plötzlich positiven Spiegelbildern von sich selbst gegenüber: Menschen, die sich nicht in ihre vermeintlichen Schicksale „schulischer Misserfolg“, „Arbeitslosigkeit“ oder gar „Kriminalität“ gefügt, sondern die – mit Erfolg – nach den Sternen gegriffen hatten.

Ähnlich funktioniert die Gesprächsreihe „Arbeiten in Berlin: Wir haben es geschafft. Zugewanderte Frauen erzählen“ beim Beauftragten des Senats für Integration und Migration. Frauen wie die Syrerin Lina Alhaddad, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU-Berlin, erzählen, welchen Schwierigkeiten sie bei der Integration in Deutschland trotz bester Bildungsabschlüsse hatten – und wie sie diese Probleme überwanden: Es sind Diversity-Workshops aus der Betroffenenperspektive.

Auch Rachel Clarke, eine schottische Theatermacherin, die 2015 in einer Flüchtlingsunterkunft aushalf, war von den Lebensgeschichten ihrer Schützlinge beeindruckt. Seit 2016 bittet Clarke syrische Flüchtlinge und andere Eingewanderte, in ihrer Storytelling Arena über sich zu erzählen. Mitunter hat das Publikum den Eindruck, die Geschichten selbst erlebt zu haben: Die Tandem-Übersetzer reden aus der Ich-Perspektive: Mein Haus war eingestürzt. Ich musste fliehen. Bei diesen Storys geht es um echtes Leben – raus aus der Komfortzone.

Kommende Termine

Arbeiten in Berlin. Wir haben es geschafft. Luciana Ferrando (Argentinien), freie Journalistin + Sharmila Hashimi (Afghanistan), Aktivistin und Journalistin, 14.2., 18–20.30 Uhr, Senat für Integration und Migration, Potsdamer Str. 65, Tiergarten, Eintritt frei

Afrika mitten im Gespräch – lebende Bibliothek im ­Afrika Haus Mfa Kera (Madagaskar, Senegal), Musikerin, 17.3., 19.30 Uhr, Farafina Afrika Haus, Bochumer Str. 25, Moabit, Eintritt frei

MGB Perspektive. Wie ich wurde, wer ich bin Ramy Al-Asheg, syrisch-palästinensischer Lyriker, Schriftsteller, Journalist, 12.3., 11.30 Uhr, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Eintritt frei

Storytelling Arena am Weltgeschichtentag Erzähler von Eed be Eed (= Hand in Hand, arabische NGO in Berlin) und Pro Venezuela e.V., 20.3., Delphi Stummfilm-Kino, Gustav-Adolf-Str. 2, Weißensee, Eintritt: 10/5 €

#Hooray (House of Rights Academy) Weiterentwicklung der „School Talks“-Reihe: Jugendliche, die aufgrund von Benachteiligung und Diskriminierung weniger gute Chancen in Schule und Beruf haben, entwickeln mit Role Models im Rahmen von Workshops eigene Ideen und Projekte. Nächster Termin: Ende Juni/Anf. Juli,
Infos: www.deutsch-plus.de

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