Kino & Film in Berlin

Eric Cantona im Gespräch

Eric Cantona ist der wahre Star von Ken Loachs Fan-Komödie "Looking For Eric". Ein Gespräch mit der 43-jährigen Fußballlegende über Leidenschaft, risikoreiches Kino und die verloren gegangene Nähe des Sports zu seiner Basis.

Eric Cantonatip Herr Cantona, seit Sie 1997 vom Fußball zurückgetreten sind, haben Sie sich immer wieder mit dem Kino beschäftigt. Sie haben sogar unter dem Titel „Apporte moi ton amour“ einen Kurzfilm nach einer Geschichte von Charles Bukowski inszeniert. Nun spielen Sie eine Hauptrolle in dem neuen Film von Ken Loach. Wie kam das?
Eric Cantona Die Sache ging von mir aus. Ich hatte mit meinen beiden Brüdern eine Idee zu einem Drehbuch entworfen, ganz knapp, auf zwei Seiten. Wir sind damit zu einer französischen Produktionsfirma gegangen, die mit dieser Idee an verschiedene Regisseure herangetreten ist. Ken Loach war der ers­te, mit dem wir ins Gespräch kamen. Sein Drehbuchautor Paul Laverty war auch von Beginn an involviert. Sie waren anfangs ganz offen: Dass daraus ein Film werden würde, konnten sie nicht garantieren. Nach ein paar Monaten aber war dann ein Drehbuch fertig.

tip Sie spielen in dem Film mehr oder weniger sich selbst, den ehemaligen Fußballer Eric Cantona, der Eric, einem Angestellten der englischen Post, mit Rat und Tat zur Seite steht. Dabei zeigen Sie die Abgeklärtheit eines Mannes, der eben viel erlebt hat. Stand das schon so im ursprünglichen Treat­ment?
Cantona Nein, bei dem, was wir geschrieben hatten, ging es mehr um eine Beziehung zwischen einem Fan und einem Idol. Paul Laverty hat das weiterentwickelt, und zwar mit allen Freiheiten. Er hat das Moment der Identifikation stärker in den Mittelpunkt gerückt: Ich helfe diesem anderen Eric einfach, indem ich ihm einen Spiegel vorhalte.

tip Was sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Tätigkeit eines Fußballers und eines Schauspielers?
Cantona Ich habe mit zwölf Jahren begonnen zu spielen. In all den Jahren habe ich mich nie als Star empfunden, sondern als Spieler. Ein Spieler auf hohem Niveau. Ein leidenschaftlicher Spieler. Das ist es auch, was für mich das Kino ausmacht: eine Leidenschaft zu spielen. Beides sind öffentliche Aktivitäten, beides sind Spiele, in beiden Fällen geht es um Risiko, um Ungewissheit, um die Aufregung, die daraus entsteht, und um die Freude daran.

tip Fußball ist heute vielfach eine Angelegenheit der Taktik, die Spieler müssen in ein System passen. Sie dagegen stehen für die geniale Inspiration, für das, was das System sprengt.
Cantona Es geht einfach darum, du selbst zu sein. Ich habe mir nie vor dem Match vorgestellt, wie ich ein Tor schießen würde und wie ich das dann zelebrieren könnte. Mit meinem Spiel verband sich keine Botschaft. Jeder Moment ist einzigartig, ich agiere im Moment, in der Emotionalität des Moments. Wenn ich eine Rolle spielen würde, dann würde ich meine Spontaneität verlieren. Ein erfolgreicher Taktiker kann nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn er das Spiel nicht einschnürt. Diese Zehntelsekunde, in der ich die Situation auf dem Platz überblicke, in der ich begreife, was zu tun ist, dieser winzige Moment lässt mir keine Zeit für eine Rolle.

Eric Cantonatip Ihr Umgang mit den Medien ist legendär. In „Looking for Eric“ ist auch die berühmte Pressekonferenz noch einmal zu sehen, in der Sie mit dem Satz „Die Möwen fliegen hinter dem Kutter her, weil sie darauf hoffen, dass Fische für sie abfallen“ alle konsterniert zurückließen.
Cantona Viele Leute raten mir immer, ich solle nichtssagende Antworten geben. Das ist nicht meine Sache. Ich gehe da hinauf, sage „Hallo“, sage meinen Teil, und dann sage ich: „Tschüss“. Danach wird alles, was ich gesagt habe, genau analysiert. Die Leute machen eine große Sache daraus, Dinge werden dramatisiert, als wäre ich ein Held in einem Krieg. Für mich ist das aber alles nicht wichtig. Ich ziehe es vor, darüber zu lachen. Ich amüsiere mich, wenn ich eine Antwort gebe, aus der sich keine Phrase machen lässt.

tip Ken Loach und Paul Laverty haben in „Looking for Eric“ auch eine Kritik des gegenwärtigen englischen Fußballs hineingeschrieben, der von Investoren beherrscht wird und nicht mehr den Fans gehört. Teilen Sie dieses Unbehagen?
Cantona Den Unterschied zwischen damals, als ich spielte, und heute sieht man nicht im Fernsehen. Die Spieler spielen mit dem gleichen Einsatz, Manchester United spielt immer noch den Angriffsfußball, den ich liebe, die Stadien sind voll. Aber rund um das Spiel hat sich viel verändert. Die Männer an der Spitze der Vereine sind andere geworden. Fußball ist keine Angelegenheit der „working class“ mehr. Ursprünglich und bis heute ist das ja ein Sport, den man auf der Straße spielen kann. Immigranten haben die gleichen Chancen im Fußball wie Arbeiter. Aber auch wenn das ganze riesige Geschäft, das damit gemacht wird, verachtenswert ist, kann man das Spiel heute nicht mehr ohne das Geschäft haben. Wenn hundert Millionen Leute ein Spiel im Fernsehen sehen, dann ist das eben das, was heute den Fußball ausmacht. Was darunter leidet, ist die alte Identifikation von Menschen mit einem Team aus ihrer Lebenswelt. Wenn es um die Fernsehrechte geht, ist das ein Krieg, es ist aber auch eine Geldmaschine für die Präsidenten der Clubs. Sie besetzen dann mit ihren Businesspartnern die besten Plätze im Stadion. Niemand macht einen Versuch, das Spiel für die ursprünglichen Fans wieder zugänglicher zu machen. Dabei wächst das Geschäft seit dreißig Jahren beständig, und es müsste eigentlich Geld da sein.

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