Kommentar

„Freund. Feind. Denken“ – Erik Heier zum Fall Simon Strauß

Ich weiß ja nicht, wie weit Facebook mit den angekündigten Klempnerarbeiten an seinem Newsfeed-Algorithmus schon ist. Aber meine Timeline ist seit zwei Wochen voll mit Texten, die Kritiker über den Schriftsteller und „FAZ“-Theaterkritiker Simon Strauß ­schreiben. Sowie mit Texten, die Kritiker über Kritiker von Strauß schreiben. Und, ganz advanced, mit Texten, die Kritiker über ihre eigene Kritik von Strauß schreiben. Dabei ist sein Romandebüt „Sieben Nächte“ nicht seit zwei Wochen draußen, sondern schon seit letztem Juli. Aber dann erschien in der „taz“ eine hitzige Abrechnung mit ihm. Der „neue Messias der deutschen Literatur“ verfasse „im Gewand der Romantik Pamphlete für die Neue Rechte“ schreibt Alem Grabovac*, der in seinem Text so ziemlich alle Fakten, die nicht zu dieser These passen, konsequenterweise einfach ganz weglässt. Seitdem wird für oder gegen Strauß drauflos geholzt, Volker Weidermann im „Spiegel“ und die Gruppe Rich Kids of Literature wollen gar ihre Lobeshymnen wieder zurücknehmen. Irgendwas triggert das Buch. Mir gefiel ja die männlichkeitsfiebrige Bedeutungsschwangerschaft bei Strauß’ Todsünden-Test nicht so ganz. Habgier sucht er etwa auf der Rennbahn. „Jeder Besuch im Heide Park Soltau verheißt mehr Einträge ins Sündenregister“, schrieb ich damals. Aber ihn, der sicher kein Linker ist, zum AfD-Sympathisanten abzustempeln, ist unterkomplex. Simon Strauß mag nicht jedermanns Freund sein. Aber zum Feind taugt er eben auch nicht.

 

* In der gedruckten Version wurde der Name des „taz“-Autors Alem Grabovac bedauerlicherweise falsch buchstabiert. Der Autor dieser Kolumne bittet den Fehler zu entschuldigen.

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