Berlin.Stadt.Magazin

Erinnerungsmaschine: „Berlin.Stadt.Magazin“ – Ausstellungskritik von Claudia Wahjudi

Ein Höhepunkt hängt gleich am Eingang: ein Trio großer Aquarelle in Blautönen und nah am Stil japanischer Manga-Comics – mit steilen Fluchten ostasiatischer Großstadtstraßen, durch je eine isolierte Figur geht

Martin Rümmele hat diese Blätter gefertigt und damit einmal mehr gezeigt, dass Kollegen nicht alles voneinander wissen. Rümmele ist den Mitarbeitern von tip und ZITTY in erster Linie als Chef vom Dienst des Raufeld-Verlags bekannt, in dem die Berliner Stadtmagazine bis Ende 2015 erscheinen. Und sie kennen ihn auch als jenen Kollegen, als den er sich in seiner Kurzvita schildert: als einen, der in der gemeinsamen Zeit mit ZITTY und tip vergeblich versuchte, „den Verlags-Kühlschrank sauber zu halten“. Unverschämtheit.

So geht es heiter weiter durch die Ausstellung in der Galerie Neurotitan, die sich die zwei Stadtmagazine zum 45. (tip) und 40. Geburtstag (ZITTY) geschenkt haben, am Hackeschen Markt im Haus Schwarzenberg. Was sich liebt, das neckt sich bekanntlich. Erst recht, seit sich die beiden Zeitschriften von 2016 an im GCM-Verlag vereint eine Büroetage teilen. So schwante der GCM-angestellten hauseigenen Autorin dieser Zeilen bereits, dass der Kurator der Schau, Redakteur Jacek Slaski, grummeln würde, wenn sie ihn mit ihrem Eindruck konfrontieren würde: ein bisschen konventionell gehängt, nicht? Diese kleine Spitze musste sein, findet die Autorin doch ihren Beitrag zur Geschichte von ZITTY in der zwei Säle umfassenden Schau nicht ganz gebührend gewürdigt. Co-Kurator Wolfgang Köglmeier, ZITTY-Pensionär und langjähriger Humor-Beauftragter, freilich schlichtet: „Ja, vielleicht konventionell gehängt, dafür ohne Wasserwaage und Zollstock. Nur mit der Hand.“

Und mit dem Auge, wäre zu ergänzen. Denn die Konventionen erweisen sich hier als sinnvoll. Gemälde und Grafiken am Eingang sowie Illustrationen und Comics ganz hinten bilden die Pole der Ausstellung. Im zweiten Saal glänzt die lange Ehrenreihe mit Veröffentlichungen von Zeichnern, Cartoonisten und Illustratoren, unter ihnen OL, Beck, Kriki und Fil. Kurz vor den Toiletten ganz hinten hängen Strips von Hannes Richert, Fils Nachfolger in ZITTY, gleichsam das Ausrufezeichen am Schluss. Oder besser: kurz vor Schluss, denn die Toiletten der Galerie sind über die Jahre zu einem Kunstwerk für sich geworden. Wand, Decke, Boden, Rohre, Türen sind mit Wörtern und Symbolen bedeckt, die Besucher mit Filzstift der Kuli auf Holz und Putz hinterlassen haben – eine Stadtgeschichte der Gefühle.

Geschichten erzählt auch der mittige Raum. Vom hart umkämpften Berliner Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt zeugen die Vitrinen mit Merchandising-Artikeln und die gerahmten Plakate von Werbekampagnen der beiden Zeitschriften. Vor allem aber rufen eine Diaschau mit Aufnahmen der tip-Hausfotografen und lange Reihen von Titelbildern und Seitenstrecken Momente auf, die fest im Gedächtnis der Stadt verankert sind, darunter die Maueröffnung, die Love Parade oder den Bankenskandal, an dem die Große Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen zerbrach. Genauso rufen sie eher Vergessenes und Verdrängtes in Erinnerung, etwa die Affäre um den Transrapid. Oder sie zaubern Politiker und Prominente wie aus dem Jungbrunnen hervor: Christian Ströbele noch fast ohne Falten, Wolfgang Neuss lebend, Til Schweiger noch sympathisch, das Mumpelmonster frisch gebroen. Und erinnert sich noch jemand an Shawn Fielding-Borer, die Frau des Schweizer Botschafters Thomas Borer, die der tip 2002 zur allerpeinlichsten Berlinerin kürte? Heute heißt sie nur noch Shawn Fielding.

Hier wird deutlich, dass Geschichte immer die Geschichte dessen ist, der sie erzählt. Während der Eröffnung wunderten sich ehemalige Mitarbeiter über manchen Titel, an den sie sich nicht erinnern könnten, wie sie sagten. Andere wieder vermissten Cover wie den ZITTY-Titel zum Tattoo-Trend oder zum Klimawandel bereits Anfang der 90er-Jahre. „Wir sind oft zu früh“, lautet eine traditionelle Selbstbezichtigung des ZITTY-Teams.

Wie eine große Erinnerungsmaschine funktioniert die retrospektive Ausstellung. Das ist enorm für eine Schau, die in der low budget-Tradition des Postwende-Berlins entstand und somit perfekt ins Haus Schwarzenberg passt. Gerade hängt, steht und läuft trotzdem alles, denn selbstverständlich hat Kurator Slaski, Sohn eines Ingenieurs, heimlich Wasserwaage und Zollstock benutzt. Interaktive Schautische und Touchscreens, von denen sich Bauanleitungen für tip-T-Shirts und ZITTY-Pokale auf 3D-Drucker senden lassen, kommen dann im Jahr 2022 zum 45., beziehungsweise 50. Geburtstag.

Berlin.Stadt.Magazin Bis 22.4.: Galerie Neurotitan, Rosenthaler Str. 39, Mitte, Mo-Sa 12-20 Uhr, Eintritt frei

Mehr Informationen zum tip und Zitty Jubiläum

tip und Zitty Jubiläum – Fotogalerie von der Eröffnungsfeier

 

 

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