Essen & Trinken

Eisbein, Haxe & Co. – die Altberliner Küche

schusterjunge„Drei Schnitzel, ’ne Haxe, zwei Eisbein, vier Bürgerbräu, den Notarzt und einen Rettungshubschrauber.“ Michael Michaelis schaut auf seinen Notizblock und ruft noch im Gehen seiner Frau Sigrid die Bestellungen zu. Sie steht angespannt hinter dem Tresen und verzieht keine Miene, greift sofort zum Zapfhahn und gibt die Kommandos weiter in die Küche. Das mit dem Notarzt und dem Flieger lässt sie weg. Aber man kann den Wirt schon verstehen. Es ist rammelvoll in der Traditionskneipe Schusterjunge in der Danziger Straße. Und das an einem Dienstagabend kurz vor halb acht. Die sechs Tische draußen sind schon seit Mittag gut besetzt, gegen Abend wurde es in den zwei Räumen drinnen voll. „Wer rechnet denn mit so was?“, schüttelt Michaelis den Kopf, während er sich das Tablett mit den Bieren und zwei Schnitzeltellern schnappt und wieder auf den Weg nach draußen macht.

chusterjunge__BettyMyllerIlona Bankwitz hat damit gerechnet. Sie trifft sich mit ihren Freunden seit über 20 Jahren im Schusterjungen. Das erste Mal noch vor der Wende. „Wir sind quasi die Ureinwohner“, sagen sie. Und die haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es hier in den letzten Jahren ein wenig enger geworden ist. „Wir haben heute vorsichtshalber mal reserviert“, sagt Bankwitz. Vor ihr steht ein Radeberger, ihre Freunde trinken Bürgerbräu. Mit dem Essen warten die drei noch ein wenig. Der Schusterjunge ist eine typische Berliner Gaststätte. Schon immer da, immer ganz gut besucht und in letzter Zeit sogar ein wenig hip. Weil mittlerweile auch ein jüngeres Publikum den rustikalen Charme zu schätzen weiß: sowohl der Einrichtung als auch der Servicekräfte. Es gibt Schultheiss und Bürgerbräu vom Fass, an den Wänden hängen alte Stiche und Fotos und hinter dem Tresen dumme Sprüche: „Nur nicht hetzen, wir sind hier bei der Arbeit.“ Auf der Karte stehen typisch deftige Gerichte der Altberliner Küche: Eisbein, Schweinshaxe und Schnitzel mit lauwarmem Kartoffelsalat, Buletten, Sülze. Egal, was man bestellt: Die Portionen sind groß, die Kalorien zahlreich, die Preise günstig.

Gegen jeden Trend zu leichter Küche und immer raffinierteren Gerichten wird in den Altberliner Restaurants heftig reingehauen. Mit Speisen, die so schlicht sind wie eine alte Berliner Volksweisheit: „Haste Hunger, haste Durst, trink wat oder iss ’ne Wurst.“ Was die Altberliner Gaststätten und Eckkneipen heute auszeichnet, ist die skurrile Mischung von Gästen, die sie bevölkern. Im Schusterjungen sind es junge hippe Neuberliner, die sich unter die Prenzl’berger Kiez-Boheme und am Tresen stehenden Stammgäste mischen. Dazu kommen Touristen aus aller Welt, die das „typical german food“ genießen, wie es Suzy Fracassa begeistert ausdrückt: „Große Portionen, die sattmachen und bei denen niemand die Kalorien zählt.“ Die Amerikanerin lebt seit neun Jahren in Berlin, heute ist sie mit zwei Freundinnen hier. Die sind begeistert von den Riesenschnitzeln. Wirt Michaelis hat seine Karten mittlerweile in fünf Sprachen ausliegen. Sein Lokal wird in vielen internationalen Reiseführern empfohlen.

Auch in Mittmann’s Restaurant in Mitte ist die Einrichtung urig und das Essen gut. So gut, dass es vom Magazin „Feinschmecker“ zu den besten 400 Restaurants in Deutschland gewählt wurde, wie Chef Jürgen Mittmann betont. Neben der unumgänglichen Bulette (mit Sauerkraut und Stampfkartoffeln), Matjes und Sülze (die allerdings aus München geliefert wird) hat sich das Mittmann’s auf Fisch spezialisiert. Neben der „hammerharten“ Fischsuppe stehen auch „modernisierte“ Gerichte auf der Karte. Den Zander gibt’s auf Rucola. Butterweich. Oder die Restauration Sophien 11 mit dem romantischen Garten in der Sophienstraße am Hackeschen Markt.

metzer eckBei Berlin-Brandenburger Küche trifft im ältesten Haus der schmalen Straße die „neue Mitte“ der Stadt auf die, die schon seit Jahrzehnten dort ihr Bierchen trinken. Ähnliche Bilder gibt’s im legendären Metzer Eck im Prenzlauer Berg unweit vom Kollwitz-Kiez, das seit 1913 in Familienbesitz ist. Rolf Hoppe, Manne Krug und Frank Schöbel futterten darin vor der Wende, nach dem Mauerfall kamen dann die Ottos – die Herren Waalkes und Sander.

Auch im Westen kennt man die prominenten Schnitzelesser. Im Ambrosius, gleich an der Kurfürstenstraße, bestellte schon Johnny Depp sein Fleischgericht. Ansonsten kommen auch dort mittags die Angestellten, abends die Touristen und immer die Stammgäste. Letztere trifft man auch in Kreuzberg in der Henne – der inoffiziellen Heimat des Milchmasthähnchens. Vorbestellung ist dringend empfohlen. Seit Jahren ist das Altberliner Restaurant eine Legende. Und schließlich der Wedding. Im Berliner Norden lockt der Deichgraf mit Tradition und Biergartentischen. 1905 war das am nördlichen Ufer des Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanals gelegene Lokal eine der ersten Glasbier-Gaststätten Berlins: Wer etwas trinken wollte, brachte seinen Krug selber mit.

kurhaus__BettyMyllerWeitaus weniger betagt– wenngleich der Name anderes vermuten lässt– ist das Kurhaus Korsakow am Boxhagener Platz. Dem Friedrichshainer Crispin Prill war bei seiner Suche nach einer gastronomischen Lücke aufgefallen, dass im Ausgehareal ausgerechnet eine „Schank- und Gastwirtschaft“ nach Altberliner Tradition fehlte. Thais und Inder gab es dagegen genug, hochpreisige Restaurants auch: „Wir wollten preislich und qualitativ etwas dazwischen anbieten“, erzählt Prill. „Gutbürgerliche Küche aus Produkten der Region.“ Im April 2008 eröffnete die Partyworks Gastronomie GmbH am Platz das Kurhaus Korsakow, Prill war bis 2013 als Assistent der Geschäftsleitung involviert. Draußen weht die Regenbogenflagge, drinnen stehen ein Billardtisch und rustikale Holzmöbel. Kiez trifft cool. Übertreiben will man es nicht mit dem Retroschick. Trotz Wasserfalltapete und Hirschgeweihen an der Wand. „Wir kaufen, was in Brandenburg von den Feldern purzelt“, so beschreibt Prill das kulinarische Konzept. Daraus werden dann keine „Pommes de irgendwas, sondern eben schlichte Kartoffeln“. Ein wenig experimentieren will man dann aber doch. „Das Essen darf ruhig ein bisschen leichter als gewohnt sein““, sagt Prill. Ein bisschen weniger fett, nicht ganz so sahnige Saucen.

Das Schnitzel kommt in einer „Schwarzbrotkruste„, wie die charmante Französin Marie hinter dem Tresen betont. Es sind kleine Abweichungen der gewohnten Gerichte, mit denen das Kurhaus Korsakow am östlichen Rande des Friedrichshainer Amüsierviertels den Spagat zwischen Tradition und Szene schaffen will. Neben den Prignitzer Matjes stehen deshalb sogar ein Tofu-Stroganoff und Grünkernbuletten auf der Karte. So etwas käme zum Beispiel im Schusterjungen niemals auf den Teller. Da hört der Spaß einfach auf.

Text: Björn Trautwein

Foto: Betty Myller, Luca Halder

Ambrosius Einemstraße 14, Tiergarten, Tel. 264 05 26

Deichgraf Nordufer 10, Wedding, Tel. 453 76 13

Henne Leuschnerdamm 25, Kreuzberg, Tel. 614 77 30, www.henne-berlin.de

Kurhaus Korsakow Grünberger Straße 81, Friedrichshain, Tel. 54 73 77 86

Metzer Eck Metzer Straße 33, Prenzlauer Berg, Tel. 442 76 56, www.metzer-eck.de

Mittmann’s Restaurant Brückenstraße 12, Ecke Rungestraße 11, Mitte, Tel. 279 35 02, www.mittmanns.de

Restauration Sophien 11 Sophienstraße 11, Mitte, Tel. 283 21 36

Schusterjunge Danziger Straße 9, Prenzlauer Berg, Tel. 442 76 54

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