Essen & Trinken

Anstelle eines Nachrufs: Peter Glücksteins Schwein

Anstelle eines Nachrufs: Peter Glücksteins Schwein

Für den tip 06/2016 haben wir ein Restaurant rezensiert. Das ist das Tagesgeschäft eines Gastro-Redakteurs. Alles andere als das Tagesgeschäft sind Nachrichten wie die, dass Peter Glückstein – eben der Wirt hinter diesem Restaurant, dem Schwein in der Elisabethkirchstraße – am Montag gestorben ist. Peter Glückstein, dessen Bar am Lützowplatz eine Institution und ein Vereinszimmer des West-Berliner Kulturbetriebs gewesen ist. Peter Glückstein, dessen Idee eines Unterhaltungspalastes am Nollendorfplatz, dem Goya, vielleicht einfach zu kühn, zu überbordend war, um ökonomisch zu funktionieren.
Wir wollen über die Umstände seines Todes nicht spekulieren. Lieber erinnere ich mich an mein letztes Treffen mit Peter Glückstein vor dem Weinladen eines guten Freundes im Herbst des vergangenen Jahres. Peter zog um die Häuser, um eben – das Trüffelschwein, das er war – ein solches zu finden. Ein neues Lokal für sein neues Lokal. Dass er dieses „Schwein“ bereits Anfang dieses Jahres eröffnen sollte, erzählt vom Drive, den Peter Glückstein immer hatte. Andere erzählen von Gesprächen mit Winzern, von der Offenheit und der Neugier, mit der sich Peter Glückstein diesem neuen Projekt hingab. Leidenschaftlich. Weggefährten wie Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten erinnern sich nun mit feinen Worten an Peter Glückstein und eine Zeit, die ich nur vom Hörensagen kenne. Ich empfehle Ihnen derweil das Schwein und muss und möchte an dieser Stelle anmerken, dass das Heft, in dem diese Restaurantrezension zu lesen ist, zum Zeitpunkt dieser traurigen Nachricht bereits in der Druckerpresse rotierte.
Herzlich, Clemens Niedenthal

Rezension:
Peter Glückstein ist wieder einmal ?Wirt geworden: Sein Schwein ist zwei ?Bars und ein Restaurant

Im Schwein ist Wein. Damit wären zwei Säulen von Peter Glücksteins (vormals Gastgeber in der Bar am Lützwoplatz und im spektakulär gescheiterten Goya) neuestem Gastro­wurf definiert: eine Weinbar mit Restaurant. Kommt noch die Highball- & Longdrink-Bar hinzu, fertig ist das Schwein in den ehemaligen Räumen des Alois Oberbacher. Herunter gedimmtes Licht, hinten sind die Tische weiß eingedeckt. Wir starten mit einem „Apfelschwein“, einen der Signature Drinks mit Gin, Zitrone, Zucker, Apfelmalzbier und Pflaume an der Bar zur Linken – während die Bar zu Rechten Wein, und zwar insgesamt 120 Positionen, ausschenken würde. An der Weinkarte (ein Schwerpunkt sind autochthone Reben und Naturweine) wird laut Sommelier Christian Gebranzig weiter gefeilt. Dem Bar-Gedanken trägt auch Küchenchef Christopher Kümper, der unter anderem bei Dreisternekoch Nils Henkel im Schlosshotel Lerbach gekocht hat, mit Käse-, Wurst- und Schinkentellern (7-11 Euro) in guter Qualität Rechnung. Daneben gibt es fünf Vorspeisen (7,50–12 Euro), fünf Hauptgerichte (16–23 Euro) und drei Desserts (6,50 Euro) fürs urbane Fine Dining: Die Begegnung von Rindertartar, Estragon und Kraftbrühe ist gut, beim Wirsing, Kabeljau und Senf hätte der Fisch wärmer sein können. Zweierlei vom Schwein mit Schwarzwurzel und Grünkohl präsentiert sich rustikal, die Landhuhnbrust mit Sellerie und Aprikose schmeckt besser als sie aussieht. Ein wenig muss sich Kümper noch einspielen, weniger Geschmacksüberladung, mehr Produktfokus. Dass er es kann,  steht außer Frage. Mit etwas Schwein kann hier ein charmanter Bar-Food-Spot entstehen.  

Text: Manuela Blisse

Foto: Schwein

Schwein Elisabethkirchstraße 2, Mitte, tägl. ab 17 Uhr, www.facebook.com/schwein.berlin

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