Drinks in der Sonne: Dolce Vita auf Berlins Terrassen

Er sei, sagt Nils Lutterbach, schon auch ein Freund des Dunkels der Nacht und des Verschwindens aus der Welt. Jeder Barbesuch, ein Edward-Hopper-Gemälde. „Aber gleichzeitig merke ich an mir ja selbst diese Euphorie, wenn das Grau des Winters endlich aus der Stadt verschwindet und es die Leute wieder hinaus ins Leben und die Sonne zieht.“
Wie Lutterbach, bis März 2026 Barchef der Lovis Bar im Hotel Wilmina an der Kantstraße, dieser Euphorie begegnet ist? Mit einem Traubendestillat, Lavendellikör, Wermut, karbonisiertem Weißen Tee und zwei Oliven. Dieser herrlich vitale Drink, die Nummer 68 des fortlaufenden Barbuchs, steht auf der Sommerkarte der Lovis Bar und wird gerne auch auf der Terrasse im Innenhof des historischen Gerichtsbaus serviert. „Im Sommer werden unsere Drinks fizziger, leichter und auch verspielter. Florale Aromen werden wichtig, Rose, Lavendel, Veilchen, Sachen, die sich frisch anfühlen. Holzgelagertes oder dunkle Kirsch- und Schokoladenaromen bleiben jetzt besser in der Flasche.“

Nils Lutterbachs ehemaligem Team hat das in die Karten gespielt. Wie gute Restaurants, arbeitet auch die Lovis Bar saisonal. Der Fokus auf Obstbrände und überhaupt auf Destillate ermöglicht zudem komplexe und gleichzeitig sehr feine Aromen. Cocktails und Longdrinks, die einerseits sehr klar schmecken können und gleichzeitig tief und vielschichtig.
Ab auf die Terrassen
„Durch den Trend, dass heute zunehmend leichter getrunken wird, dass es mehr um die Aromen geht, als um den Booze“, sagt auch Theo Ligthart, „hat sich der Sommer als eine wirklich spannende Zeit etabliert.“ Ligthart muss es wissen. Er ist der Gründer des Freimeisterkollektivs, mit dessen Bränden und Destillaten auch die Lovis Bar gerne arbeitet. Auch Nils Lutterbach arbeitet inzwischen in dessen Team. Als junger Vater brauchte er eine Auszeit von den Nachtschichten. Ligthart sagt: „Die Bar als dunkler Ort, in den man reinkriecht und sich von der Außenwelt abkapselt, das hat noch immer seine Berechtigung. Aber es gibt längst auch eine andere Barkultur, den Apéro, die Terrassenwirtschaft, auch in Restaurants wie der Pizzeria Gazzo bekommt man inzwischen wirklich hochwertige Drinks.“
Ja, selbst der Rum Trader, diese Wilmersdorfer Ikone einer gediegenen und genauso verschwiegenen Trinkkultur, hat unter seinen neuen Betreibern plötzlich eine Terrasse bekommen. Im 48. Jahr seinen Bestehens hat das unter den Barflys Berlins mindestens für ein überraschtes Raunen gesorgt.
Auch Ruben Neideck serviert seine Drinks gerne auf dem Trottoir vor der Neuköllner Velvet Bar, Urzelle einer neuen, brutal lokalen Berliner Trinkkultur. Neideck erntet die Zutaten gerne in der Berliner Stadtnatur, er kandiert Lärchenzapfen und fermentiert Kirschblüten. Warum also nicht auch im Stadtraum trinken? Überhaupt seien handwerkliche Cocktails ein zu komplexes, vielschichtiges Thema, um es auf die typischen Barrituale zu reduzieren. Die versteckte Klingel, die Ledersessel, die Whisky-Kennerschaft, das habe alles seine Berechtigung. Kenntnisreiches und sowieso lustvolles Trinken findet aber längst zu vielen verschiedenen Ausdrucksformen.
Drinks in der Sonne: Eine neue Trinkkultur
Analog zu den vielen handwerklichen Restaurants, Delis und Cafés hat sich auch die Trinkkultur verfeinert und diversifiziert. Dank Bartender:innen wie Nils Lutterberg, Ruben Neideck oder Maria Gorbatschova von der Green Door Bar. Dank lokalen Produzenten, wie dem Freimeisterkollektiv oder der als MXPSM auferstandenen Preußischen Spirituosenmanufaktur, die gemeinsam mit der Kreuzberger Kaffeerösterei Five Elephant einen Kaffeelikör entwickelt haben. Den könnte man, das ist ja unser Thema, übrigens ganz wunderbar auf der Terrasse des Five Elephant Deli in der Reichenberger Straße trinken.

Überhaupt, sagt Theo Ligthart vom Freimeisterkollektiv, sei das mindestens genauso bemerkenswert wie die vielen famosen handwerklichen Cocktailbars: „An Orten wie der wunderschönen Orangerie im Körnerpark oder dem Salon Babette auf der Karl-Marx-Allee bekomme ich heute in legerer Atmosphäre einen richtig guten Negroni. Ich liebe ein Bier, wenn es um den Durst geht, aber ein Longdrink und dazu vielleicht noch ein bisschen Fingerfood, das ist doch die komplexere Idee für einen langen Sommerabend.“