Kiezkneipe

Wie die beiden Wirtinnen der Kneipe Zimt und Zunder nicht aufgeben

Die Gastronomie trifft die Pandemie sehr hart. Doch besonders schwer ist es für Gastronom*innen, die Restaurants, Bars oder Kneipen kurz vor der Pandemie neu eröffnet haben. Dazu gehören Bruni und Nadja Freiwald, die zwei Wochen vor dem ersten Lockdown ihre Kneipe Zimt und Zunder zum dritten Mal in Friedrichshain neu aufgemacht haben. Doch die beiden geben nicht auf – trotz aller Widrigkeiten und Hoffnungslosigkeit.

Mutter und Tochter: Bruni (li.) und Nadja machen weiter, auch wenn die Situation für die Kneipe Zimt und Zunder am Boxhagener Platz gerade so düster wie nie aussieht. Foto: Balzereit
Mutter und Tochter: Bruni (li.) und Nadja machen weiter, auch wenn die Situation für die Kneipe Zimt und Zunder am Boxhagener Platz gerade so düster wie nie aussieht. Foto: Balzereit

Im Februar 2020 zog Zimt und Zunder an die Gärtnerstraße

Es ist kühl im Zimt und Zunder in der Gärtnerstraße in Friedrichshain, der Geruch nach Zigarettenrauch und Bier längst verflogen, die Abende, an denen Stimmengewirr die Räume erfüllte, nur noch eine ferne Erinnerung. Bruni und Nadja Freiwald, die beiden Inhaberinnen des Zimt und Zunder 3.0, sitzen an einem Tisch an einem der bodentiefen Fenster und blicken auf den leeren Tresen. Die ausrangierten Altbautüren, aus denen er besteht, sind frisch lackiert. “Wir haben keine Energie mehr, um uns das alles schön zu reden und uns zu sagen, dass das schon alles wieder wird“, sagt Nadja. „Die Perspektive fehlt.“

Bruni und Nadja sind Mutter und Tochter – und das Zimt und Zunder mit seiner Tischtennisplatte und dem Kicker ist eine Institution in Friedrichshain. Zwei Mal ist die Kneipe seit ihrem Entstehen 2006 umgezogen, das erste Mal nach vier Jahren von der Rigaer in die Straßmannstraße, das zweite Mal nach zehn Jahren von der Straßmann- in die Gärtnerstraße. Das war im Februar 2020, zwei Wochen, bevor der erste Lockdown in Kraft trat.

Die beiden haben immer den Kiez im Blick

Nachdem der Mietvertrag des zweiten Zimt und Zunder in der Straßmannstraße endete, weil die neuen Eigentümer dort keinen weiteren Kneipenbetrieb im Haus wollten, sollte die neue, größere Location ein Neuanfang sein: mit regelmäßigen Pop-up-Dinnern, After-Work-Partys mit DJs bis 23 Uhr, Kinderdisco einmal im Monat. Sonntags wollten Bruni und Nadja den Frühschoppen wieder aufleben lassen. “Wenn Leute mit guten Ideen kommen, dann sind wir dafür offen und stellen unsere Räume bereit. Bei allem, was wir machen, wollen wir den Kiez miteinbeziehen”, sagt Nadja. 

Das Zimt und Zunder steht stellvertretend für die Situation tausender anderer Wirt*innen in Berlin. Andererseits lässt ausgerechnet der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen, die Inhaberinnen der Friedrichshainer Kneipe nun noch schlechter dastehen als manch andere Kolleg*innen. Die neue Kneipe ist größer, die Miete höher, die Lage zentraler. Und diese Verbesserungen werden plötzlich zum Problem.

Bruni und Nadja haben damit gerechnet, mehr einzunehmen als in den alten Räumen in der Straßmannstraße, auch, weil sie tagsüber öffnen wollten. Alle Hilfen, die sie bekommen, bemessen sich jedoch an den Einnahmen und Ausgaben von 2019, ihrem letzten Jahr in der alten Kneipe – und gehen einzig für die Miete drauf. Strom, Steuern, Versicherungen und das, was sie zum Leben brauchen, müssen sie selbst zahlen: Geld, das sie nicht haben, weil sie nicht arbeiten dürfen. “Wir fallen da durchs Raster, weil es für Fälle wie uns keine Sonderregelung gibt”, sagt Bruni.  

Seit Dezember ist dicht, seit Januar kam kein Geld mehr

Dazu kommt: Seit Januar sind beim Zimt und Zunder keine Hilfen mehr angekommen, seit Dezember ist die Kneipe komplett geschlossen. Im Gegensatz zum ersten Lockdown darf weder die Miete gestundet werden, noch gibt es einen Kündigungsschutz für Gewerbe. Obendrein gilt ab Mai wieder die Insolvenzantragspflicht, die der Bund wegen der Pandemie ausgesetzt hatte. Bruni und Nadja wissen nicht, wie es weitergehen soll – und wie lange sie noch durchhalten können. 

Auch wenn der Kampfgeist der beiden weiterlebt: Sie brauchen dringend mehr staatliche Hilfen für das Zimt und Zunder. Foto: Balzereit
Auch wenn der Kampfgeist der beiden weiterlebt: Sie brauchen dringend mehr staatliche Hilfen für das Zimt und Zunder. Foto: Balzereit

Die Gastronomie ist eine der Branchen, die die Pandemie am härtesten trifft. Nach Informationen des deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) sehen sich 83 Prozent der Berliner Gastro-Betriebe akut in ihrer Existenz bedroht, rund 25 Prozent beschäftigen sich bereits mit der Geschäftsaufgabe. “Unsere Branche befindet sich nach wie vor in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Dehoga Berlin, Thomas Lengfelder. „Es ist auch heute noch gar nicht abzusehen, wo die Pandemie uns hinführt. Und die Politik signalisiert uns leider keinerlei Perspektiven.“ 

Die Perspektivlosigkeit und die Existenzangst sind es auch, die Bruni und Nadja immer mehr zusetzen. “Ein Jahr lang so gut wie arbeitslos zu sein, ist scheiße”, sagt Nadja. “Nicht nur aus finanziellen Gründen. Das Arbeitsverbot schlägt uns auf die Stimmung, wir haben keine Struktur. Deswegen sind wir für jedes bisschen Arbeit für die Kneipe dankbar.” 

Weil sie einen Anschlag überlebte, hatte Bruni genug Geld, um das Zimt und Zunder zu eröffnen

Dass Mutter Bruni im Jahr 2006 das erste Zimt und Zunder eröffnen konnte, hat mit einer Tragödie zu tun, die 20 Jahre zuvor die Stadt und die Welt erschüttert hatte: In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1986 verübten Terroristen aus dem “Libyschen Volksbüro” in Ost-Berlin ein Bomben-Attentat auf die Diskothek “La Belle” in Friedenau. Dort tanzten (hauptsächlich Schwarze) GIs und Berliner*innen zu Funk, Soul und frühen Hip-Hop-Stücken. Die Explosion ließ die Diskothek in Trümmern zurück. Drei Menschen starben bei dem Anschlag, 250 Menschen wurden teils schwer verletzt.

Während Präsident Ronald Reagan als Vergeltung die libyschen Städte Tripolis und Bengasi bombardieren ließ, entschied Bruni, ihr Entschädigungsgeld für die Eröffnung ihrer ersten eigenen Kneipe zu nutzen. “Ich habe schon immer in der Gastro gearbeitet, seit ich 17 bin. Das macht mir einfach Spaß. Aber ich hatte auch schon immer meine eigenen Vorstellungen und wollte eine Kneipe, die ich selbst gestalten kann”, sagt Bruni. “Durchlauf wollte ich zum Beispiel nie. Zu mir sollten Stammgäste kommen, zu denen ich einen Bezug habe.” 

Mehr Hilfe, mehr Kulanz bei der Miete

Dieses Ziel hat sie erreicht, manche Gäste laden sie zu ihren Geburtstagen und Hochzeiten ein. “Acht Babys haben wir schon, erzähle ich immer. Also Kinder, deren Eltern sich im Zimt und Zunder kennengelernt haben”, sagt Bruni. 

Die Macherinnen des Zimt und Zunder kämpfen weiter.
Seit Dezember ist das Zimt und Zunder, wie alle anderen Kneipen, komplett geschlossen. Foto: Balzereit

Wenn Nadja und Bruni Hilfe bei Handwerksarbeiten brauchen, sind ihre Stammgäste zur Stelle. “Die stehen dann parat”, sagt Nadja. “Wenn du als Kneipe umziehst, hast du ja meistens nicht viel Geld und die sagen dann: Klar helfen wir euch.” Den Tresen zum Beispiel, erzählt Bruni, hätten ein paar Stammgäste auf- und abgebaut. 

Auch die Immobilienbranche in die Pflicht nehmen

Bruni und Nadja sind sehr dankbar für die Unterstützung ihrer Stammgäste. Ihre Miete aber können sie von dieser Hilfe nicht zahlen. Der Schuldenberg wächst und wächst. “Wir brauchen mehr Hilfen vom Staat und vor allem die Zusicherung, dass wir diese weiterhin bekommen, bis wir wieder öffnen dürfen”, sagt Nadja. Aber nicht nur der Staat muss ihrer Meinung nach in die Pflicht genommen werden, sondern auch die Branche, die zu den wenigen gehört, die seit der Pandemie stabile Einnahmen verzeichnen: die Immobilienbranche.

„Etwas muss sich tun”, sagt Nadja. „Aber es passiert nichts. Wir machen die ganze Zeit neue Schulden in einer Zeit, in der wir eigentlich unsere alten Schulden, die wir wegen dem neuen Laden aufgenommen haben, abarbeiten wollten.“ Wenigstens ihr Mietvertrag müsse verlängert werden, sagt sie, damit sie zumindest die Chance hätten, die Schulden zu abzubezahlen. 

Die Zeit läuft Nadja und Bruni davon. Doch während die Politik über das Für und Wider von Schulschließungen, Tests und Ausgangssperren diskutiert, sind neue Gesetze zu Mietstundungen, verlängerten Mietverträgen oder höhere Hilfen für die gebeutelte Gastronomie nicht in Sicht. Trotzdem sagt Nadja: „Ich mache weiter, bis es nicht mehr geht.“


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