Essen & Trinken

„Bauch­gefühl“ von Clemens Niedenthal

Fett ist ein Geschmacks­träger. Der Zeitgeist ist es erst recht. Der Schweinebauch ist dieser Tage ziemlich fett mit dem Zeit­geist bestrichen. Mehr Geschmack geht also nicht. Mehr Schweine­bauch auch nicht. Vom saftigen Street-Food-BBQ bis zum asiatisch-dezidierten Tim Raue. Auch die spannenden Neueröffnungen der vergangenen Wochen, das Grace am Kurfürstendamm, das Industry Standard in der Sonnen­allee, das Spindler am Landwehrkanal – sie alle sind auf den Bauch gefallen. Und bereiten ihn mit Muscheln, mit apfel­fruchtiger Glasur. Oder vom Livar-Klosterschwein. Die Rügenwalder Mühle – und nun wird es weniger deftig, aber nicht minder delikat – feiert derweil mit einer neuen Produktlinie veritable Verkaufs­erfolge. Nicht mit Würsten, sondern mit ihrem genauen Gegenteil: mit veganen Fleisch-Ersatzprodukten. 1,6 Millio­nen vegane Schinken-Spicker hat das Unternehmen alleine im Monat der Marktein­führung verkauft, aus dem Stand mehr als vom fleischigen Original. Was das mit dem Schweinebauch zu tun hat? Mindestens so viel: Die Frage der Fleisches­lust ist längst eine zentrale Frage des Lebensstils, der Ethik, der Moral. Fleisch ist ein Thema, das keine Enthaltsamkeit duldet, zumindest, was die eigene Haltung zum Fleisch­konsum betrifft. Da taugt der Schweinebauch zur Metapher, genauso wie die Tofu-Wurst. Ist aber vielleicht auch nur so ein – Bauchgefühl.

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