Essen & Trinken

Berlin braut Bier

p.brokampWenn Philipp Brokamp (Foto links) seinen „Schlangenbiss“ auf den Tresen stellt, müssen Bier-Puristen stark sein. Zuerst fließt das Pils schäumend ins Glas, dann folgt der selbst gebraute Apfelcider, der in Metallfässern im Keller der Hausbrauerei Hops & Barley in Friedrichshain lagert. Nun greift der 35-Jährige zur Johannesbeer-Sirup-Flasche, deren süß-klebriger Inhalt sich in roten Fäden ins Glas ergießt, zähflüssig am Boden ansammelt und das gesamte Bier bedrohlich rot färbt. „Sieht schon ein wenig giftig aus, oder?“, meint der Braumeister schelmisch lachend. Der Schlangenbiss lässt Fans des herben Hopfen- und Malz-Geschmacks in der Tat die Lippen kräuseln: Fruchtig schmeckt er, mit einer leichten Apfelnote, erinnert mehr an einen Campari Orange mit Schaumkrone als an ein Bier. Doch der Mann aus dem Münsterland kann auch Herbes brauen, hat zu seinen drei Hauptsorten jeweils ein Spezialbier im Hahn. Für den Sommer zeigen sich die Hausbrauereien experimentierfreudig. Wenn das Thermometer um 22 Uhr noch 22 Grad anzeigt, läuft das Geschäft am besten. Mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes macht die Branche laut Deutschem Brauer-Bund in den Sommermonaten. Die Kurve der Absatzzahlen von Mai bis September gleicht einem Berg. Und während deutschlandweit der Pro-Kopf-Verbrauch beim Bier aufgrund der alternden Gesellschaft und veränderten Trinkgewohnheiten schrumpft, strömen in Berliner Brauereien immer mehr Liter aus dem Zapfhahn. Nicht zuletzt, weil zunehmend Touristen die Stadt besuchen. Und sich viele deutsche Großbrauereien in ihren Sortimenten immer stärker am milden Geschmack der Masse orientiert und damit angenähert haben.

m.eschenbrennerKein Wunder, dass es den Gaumen der Gäste in den Biergärten, Strandbars, Kneipen und Parks nach Abwechslung dürstet – und für den sorgen die 16 Hausbrauereien mit Hunderten Saisonbieren und Bier-Mischgetränken. „Für den Sommer sind die Biere meist spritzig, haben mehr Kohlensäure, sind weniger bitter und alkoholhaltig“, erklärt Biersommeliиre Sandra Strobel. Während die sogenannten Bockbiere mit einem Alkoholgehalt von sieben bis acht Prozent eher im Winter gebraut werden, bevorzugen die Braumeister im Sommer milde Weißbiersorten. Aber auch das süffige Kölsch feiert seinen Siegeszug, weiß die Bierexpertin, und kommt auch in der Hauptstadt oft auf den Tisch. Und neben dem süßen Radler würde sich die „saure Variante“ aus Österreich etablieren: Mineralwasser mit „Hellem“. „Berlin ist ein Melting Pot, die Berliner sind für alle Biere offen“, sagt Martin Eschenbrenner (Foto rechts) von der Hausbrauerei Eschenbräu aus Wedding, der zusätzlich zu seinen drei Standardbieren übers Jahr 15 Saisonbiere anbietet: im März einen bitterer Doppelbock wie der Weddinator – im Juni ein Bayerisch Hell im Maßkrug, serviert mit Brezel und Weißwurst. „Es gibt einfach zu viele Bierstile, als dass man immer nur die gleichen anbieten kann.“ Bis zu 1500 Liter braut er für eine Sorte, die dann im Schnitt 20 Tage reicht. Ein Drittel seines Umsatzes machen die Spezialbiere aus. Sie wecken Neugierde, setzen kleine Highlights und sind neben dem Essen eine wichtige Stellschraube, um Kundschaft zu locken. Auch andere Kleinbrauereien, wie die Schalander Hausbrauerei in Friedrichshain, die Brauhäuser Lemke in Mitte und Charlottenburg sowie das Brauhaus Rixdorf in Neukölln, setzen auf schwächer gehopfte, helle „Sommerbiere“. Doch auch kräftige, untergärige Sommerbockbiere kommen von Mai bis September auf den Tisch, so zum Beispiel in der Privatbrauerei Am Rollberg in Neukölln der Maibock oder der Sommerbock von Michael Schwab aus der Brauerei BrewBaker im S-Bahnbogen Bellevue.

t.schoppeBiertrinker schätzen die goldgelbe, an Sommerhonig erinnernde Farbe und die erfrischende Mischung aus kräftigem Spezialmalz und feinem Hopfenaroma. Bis zu vierzig verschiedene Sorten braut Michael Schwab übers Jahr. Für den Sommer plant der 36Jährige nicht nur ein kräftiges Bier, sondern ebenfalls eine scharfe Überraschung: das „ChiliBier“, ein malzbetontes, rotes Lagerbier „mit einem ordentlichen Schwung Chili“ drin. „Das ist nichts für jeden, wird aber häufig nachgefragt.“ In der Schlossplatzbrauerei Coepenick, der kleinsten Brauerei Deutschlands, geht’s im Sommer ebenfalls scharf zu: Dann wird das „KirschChiliBier“ besonders gern getrunken, sagen die Inhaber Joachim und Astrid Rubbert. „Das hat eine leicht scharfe Note im Abgang, ist aber angenehm frisch und prickelnd.“ Für die wärmere Jahreszeit planen sie zur Abkühlung zudem abwechselnd ein leichtes, spritziges russisches BuchweizenBier und ein Sake Bier. Neben kräftig und scharf sind also süße Biere der Renner. Thorsten Schoppe (Foto links) vom Brauhaus Südstern in Kreuzberg sieht für die „exotischen Biere“ eine wachsende Klientel und setzt daher für den Sommer wieder ein Kirschbier an. Ein Sud ergibt fünfhundert Liter – und die werden sich garantiert verkaufen, ist sich der Braumeister sicher. „Besonders Frauen mögen es, wenn es nicht so bierlastig schmeckt.“ Das haben ebenfalls die Großbrauereien erkannt und versuchen, mit Bier-Mischgetränken – also Biere mit süßen Säften, wie Orange, Grapefruit oder Lemon – neue Zielgruppen zu erschließen: Frauen und junge Erwachsene. Die Branche hoffte auf einen Anteil von mehr als zehn Prozent. Aktuell machen Bier-Mischgetränke allerdings lediglich knapp fünf Prozent des Biermarktes aus, informiert Marc-Oliver Huhnholz vom Deutschen Brauer-Bund.

Doch die Strategie geht auf, wie das Verbraucherpanel der „Gesellschaft für Konsumforschung“ beweist. Tendenziell werden sie hauptsächlich von 18 bis 25-Jährigen gekauft. Und während Bier immer noch ein „Männergetränk“ ist, sind die Käufer von Bier-Mischgetränken bereits zur Hälfte Frauen. Das bestätigt ebenfalls die Nachfrage bei der größten Brauerei der Stadt, der Berliner Kindl Schultheiss Brauerei. „Besonders hoch im Kurs stehen unser Biermix Berliner Kindl Radler und die Original Berliner Kindl Weisse“, sagt Bettina Pöttken. Genaue Zahlen dürfe sie nicht nennen. „Aber auf alle Fälle ist das ein wachsender Markt. Wir wachsen mit der Berliner Weisse.“ So kommen zu den schätzungsweise fünftausend Bieren in Deutschland unzählige Geschmacksvarianten mit Saft-Mischungen hinzu: Granatapfel, Maracuja, Mango, Limette machen der Berliner Weiße Konkurrenz. Etwa das Ginger-Beer im Brewbaker mit zitronigem Ingwer-Aroma oder der Schlangenbiss im Hops & Barley. Die Privatbrauerei profitiert von einem jungen, oft englischsprachigen Publikum in Friedrichshain. So stammt auch der Schlangenbiss, den Philipp Brokamp auf Empfehlung von Freunden auf die Karte genommen hat, aus Großbritannien. Doch nicht jedem Braumeister schmecken solche süß-scharfen Experimente. „Ein Brauer hört das eigentlich nicht gern, wenn man was reinmischt“, sagt Günther Sackel vom Brauhaus Spandau. „Was dem Pfarrer die Bibel, ist dem Brauer sein Reinheitsgebot.“ Doch ohne Mischgetränke kommt auch sein Biergarten mit 650 Außenplätzen im Sommer nicht aus. „Die Leute wollen das.“ Philipp Brokamp sieht es positiv: „Die Leute gehen eben in eine Hausbrauerei, um mal ein Bier zu trinken, das sie nicht im Supermarkt kaufen können.“ Wer junge Gäste erreichen will, müsse innovativ und kreativ sein. Die Zeiten, in denen verstaubte Werbespots mit Felsquellwasser, Bergen und Seen die Menschen zum Bierglas greifen ließen, seien endgültig vorbei.

Text: Jörg Oberwittler

Fotos: Nina Zimmermann / HIPI

ADRESSEN

Berliner Kindl c/o Berliner-Kindl-schultheiss-Brauerei, Indira-Ghandhi-Straße 66-69, Weißensee, Tel. 96 09-0, www.schultheiss.de/brauerei

Brauerei Eschenbräu Triftstraße 67, Wedding, Tel. 462 68 37, www.eschenbraeu.de

Brauhaus in Rixdorf Glasower Straße 27, Neukölln, Tel. 626 88 80, www.brauhaus-rixdorf.de

Brauhaus in Spandau Neuendorfer straße 1, Spandau, Tel. 35 39 07, www.brauhaus-spandau.de

Brauhaus Südstern Hasenheide 69, Kreuzberg, Tel. 69 00 16 24, www.brauhaus-suedstern.de

Brewbaker Arminiusstraße 2-4, Tiergarten, www.brewbaker.de

Gasthausbrauerei Hops & Barley Wühlischstraße 22/23, Friedrichshain, Tel. 29 36 75 34, www.hopsandbarley-berlin.de

Privatbrauerei am Rollberg Werbellinstraße 50, Neukölln, Tel. 68 08 45 77, www.rollberger.de

Schalander Hausbrauerei Bänschstraße 91, Friedrichshain, Tel. 89 61 70 73, www.schalander-berlin.de,

Schlossplatzbrauerei Coepenick Schlossplatz, Grünstraße 24, Köpenick, Tel. 42 09 68 76, www.brauhaus-coepenick.de

BIERGÄRTEN IN BERLIN

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