Kaffeekultur

Berlin Coffee Festival 2018

Kein Phänomen der aktuellen Lebensmittelbegeisterung ist so omnipräsent wie die neue Lust am Kaffee. Davon erzählt das stadtweite Berlin Coffee Festival – und weist darüber hinaus. Ein Gespräch mit Festivalgründer Philipp Reichel

Philipp Reichel. Foto: Harry Schnitger

Eigentlich ist die Markthalle Neun ein Ort, an dem man den Bauern und Produzenten mit leidenschaftlicher Regelmäßigkeit begegnet. Dass zum Berlin Coffee Festival am ersten Septemberwochenende nun aber tatsächlich einige Kaffeebauern eingeladen worden sind, mag man dennoch als kleine Sensation empfinden. Schließlich, so sagt es Festivalgründer Philipp Reichel, der in der Markthalle auch die Rösterei Kaffee Neun betreibt, tut sich die Kaffeebranche noch immer schwer mit der Wertschätzung ­ihrer wichtigstens Ressource: dem Rohkaffee und seinen Produzenten.

tip Herr Reichel, warum braucht Berlin ein ­Kaffeefestival?
Philipp Reichel Wir leben in einer Gesellschaft, in der quasi jeder Kaffee trinkt, in allen Schichten und allen Lebenslagen. Von der billigsten Automatenplörre bis zu den Connoisseuren mit ihrem ewigen Verfeinerungsdrang. Kaffee ist, nehmen wir nur die leidige Unsitte der To-go-Becher, allgegenwärtig. Der Kaffeeanbau, der Import und vor allem die ganzen kulturellen und sozialen Fragen, die damit verknüpft sind, sind es noch immer nicht.

tip Also expliziter gefragt: Warum braucht Berlin noch ein Kaffeefestival?
Philipp Reichel Um ehrlich zu sein haben wir uns genau das auch gefragt: Der ganze Maschinenpark und der Latte-Art-Spaß, das ist alles gut und schön und das findet ja auch bei uns statt. Wenn wir aber alleine das als Kaffeekultur begreifen, haben wir etwas ganz grundsätzlich falsch verstanden.

tip Was sollen die Besucher des Berlin Coffee Festivals denn verstehen?
Philipp Reichel So didaktisch würde ich es nicht formulieren, auch wenn ich zugeben muss, dass ich bei ­diesem Thema gerne missionierend werde. Wir wollen ein Festival auf Augenhöhe – wir wollen den Farmer nach vorne holen.

tip Dabei sind die Bauern und Produzenten doch eigentlich die Lieblinge jener neuen
Food-Kultur. Jeder will scheinbar wissen, wo und wie die Zucchini wächst und wer das Schwein geschlachtet hat.
Philipp Reichel Die Kaffeebauern haben nur ein Problem, im Gegensatz zum Demeter-Hof in Brandenburg bleiben sie für uns Konsumenten eine ­abstrakte Größe. Sie sind noch immer unsichtbar, auch wenn jede Kaffeerösterei, die Kleinen wie die ganz Großen, mit ach so authentischen ­Bildern aus den Erzeugerländern wirbt.

tip Eine ungleiche Beziehung …
Philipp Reichel Eigentlich betreibt die Kaffeebranche noch immer Neokolonialismus. Wir Weißen fahren in die Erzeugerländer, erklären den Bauern, wie sie das mit dem Kaffee so zu machen ­haben und halten sie gleichzeitig klein. Es ist relativ wahrscheinlich, dass ein Kaffeebauer in Kenia oder Äthiopien gar keine Ahnung davon hat, wie großartig seine Kaffeekirschen schmecken können. Vor allem aber kann kaum ein Bauer von Kaffee wirklich leben.

tip Weil Rohkaffee schlicht viel zu billig ist?
Philipp Reichel Wer im Supermarkt eine Tüte Kaffee kauft, kann davon ausgehen, dass das Kilo Rohkaffee allenfalls einen Euro gekostet hat. Das ist nichts gemessen an der Handarbeit, die auf den Plantagen nötig ist. Ich sage jetzt nicht, dass all die Speciality-Coffee-Läden ihre Bauern angemessen bezahlen. Wenn wir letzteres aber wirklich wollen, muss uns der Kaffee etwas wert sein.

tip Kaffee wird ein Luxusprodukt?
Philipp Reichel Wenn der Konsum weiterhin so steigt, wird es spätestens in 30 Jahren ohnehin nicht mehr genügend Kaffee geben. In den asiatischen Ländern wird mehr und mehr Kaffee getrunken, genauso in einigen Erzeugerländern selbst, was ja eigentlich eine gute Nachricht ist. Bedenkt man dann noch, wie sich der Klimawandel ­gerade auf die sensiblere Arabica-Pflanze auswirken wird, ist offenichtlich: Wir brauchen ein neues Kaffeebewusstein.

tip Wie könnte das aussehen?
Philipp Reichel Es gibt, initiiert von der Hamburger Rösterei Quijote Kaffee, etwa die clevere Idee, ein Drittel des Verkaufserlöses per se den Rohkaffeeproduzenten zukommen zu lassen. Damit profitieren die Farmen unmittelbar von der Aufwertung, die der Spezialitätenkaffee gerade erfährt. Darüber hinaus präsentiert sich auf unserem Festival etwa die World Coffee ­Research, quasi eine NGO, die von kleinen unabhängigen Röstereien finanziert wird.

tip Um was zu machen?
Philipp Reichel Um neue, widerstandsfähige Kaffeepflanzen zu entwickeln, etwa durch Kreuzung von Arabica- und Robustasorten und diese Samen dann, als Open-Source-Projekt, allen Kaffeebauern zur Verfügung zu stellen.

tip Das klingt jetzt aber eher engagiert denn, nun ja, geschmacksintensiv.
Philipp Reichel Keine Sorge, im Kaffeegenuss geht auch noch einiges. Ich gehe beispielsweise davon aus, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr irgendwie von Kaffee sprechen, sondern bestimmte Sorten verlangen – wie es es längst beim Wein üblich ist. Das wird ein Wahnsinn werden, was es da noch alles zu schmecken gibt.

Berlin Coffee Festival Fr 31.8. + Sa 1.9: Veranstaltungen und Verkostungen in Kaffeebars und Röstereien in der ganzen Stadt.

So 2.9., 11-18 Uhr, großer Themenmarkt mit Cuppings und Baristakursen für Jedermann in der Markthalle Neun, Eisenbahnstr. 42/43, Kreuzberg, Eintritt 5 Euro.

Mehr Infos unter www.berlincoffeefestival.de

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