Essen & Trinken

Berlin entdeckt die Luxusbars

triobarDie ist telefonisch zu erfragen. Rein kommt nur, wer vorher reserviert hat. Stammgästen, die die Adresse ausplaudern, droht ein Jahr Hausverbot. Da sollte man besser ruhig bleiben. Meinke sagt: „Ich will keinen elitären Scheiß, sondern eine private, intime Atmosphäre, in der meine Gäste abschalten und genießen können.“ Exklusivität ist alles. Meinke kalkuliert die hochwertigen Produkte lieber für einen kleinen Kreis von Cocktailkennern, als dass er sie an Laufkundschaft verscherbelt. Er nimmt keine fertige Grenadine aus der Flasche, sondern bereitet sie selbst aus Granatäpfeln zu. Oder Zuckersirup: Davon stehen rund 15 Sorten bereit. Er stimmt jeden Sirup auf den jeweiligen Longdrink ab. Für Rumcocktails mischt er Rum statt Wasser in den Zucker, so dass eine Art Rumsirup entsteht. „Das ist das Fein-Tuning“, erklärt Meinke, „den qualitativen Unterschied schmeckt man sofort.“ Exklusiv und ein bisschen geheimnisvoll – diese Devise gilt auch in der Bar Tausend, die 103-Betreiber Till Harter im vergangenen Jahr in Mitte eröffnete.

lanningerDie Adresse am Schiffbauerdamm ist zwar nicht so geheim wie die der Triobar, aber dennoch schwer zu finden. Von Anfang an gab es einen kräftigen Hype um die Bar, unter anderem durch die selektive Türpolitik. Wer es hineinschafft, trifft Menschen, die sich statt Erdnüssen zum Drink lieber Austern oder gestopfte Gänseleber reichen lassen. Die teuren Cocktails werden von Profis aus hochwertigen Zutaten zusammengerührt. Bislang waren Berliner Bars in erster Linie für ihren trashigen Charme und die Alles-geht-Looks bekannt. Unverputzte Wände, ein paar alte Sofas und ein improvisierter Tresen – fertig war der Laden, entsprechend beliebig oft auch die Auswahl der Drinks. Wagen Berliner Bars jetzt den Sprung aufs internationale Parkett? Auf New Yorker Niveau?

neue odessaEs sieht fast so aus. Denn in Berlin mehren sich Neueröffnungen von Bars, die größten Wert auf Qualität legen. Mike Meinke von der Triobar meint, dies sei eine Folgeerscheinung der gehobenen Küche, die sich in den letzten Jahren etabliert habe. Die hätte bei den Gästen das Interesse am guten Geschmack angefacht– auch bei Cocktails. Kaj Steuck, ehemaliger Chef de Partis im Schwarzenraben und jetzt Herr der Küche in der Neuen Odessa Bar, bestätigt: „Essen und Trinken wird als Erlebnis wahrgenommen. Die Leute sind heute eher bereit, für gute Qualität auch mehr auszugeben.“ Er serviert hochwertiges Barfood: etwa Caille au vin (Wachtel in Weinsauce) oder Rosenmousse in kleinen Portionen. Die neue Wertschätzung edler Speisen und Getränke sieht Steuck nicht nur als Folge des Biobooms der letzten Jahre an.

„Die Clubszene ist erwachsen geworden, aber nach wie vor präsent im Berliner Nachtleben.“ Die Interaktion zwischen Küche und Bar macht Schule. Viele Bars ergänzen ihr Angebot oder definieren sich sowohl als Bar als auch als Restaurant. „Die Gäste begrüßen eine Symbiose“, sagt Andreas Lanninger, Chef der Lanninger Bar im Hotel Abion. Er selbst sieht sich als Vertrauensperson und Entertainer, der die Flasche Schampus effektvoll mit dem Säbel köpft. „Mit dem Anspruch auf edlere Spirituosen ist auch der Anspruch an ein besseres Küchenprogramm gestiegen.“ Deshalb glaubt Lanninger, dass die Berliner inzwischen eher bereit sind, auch Hotelbars anzunehmen, die trotz recht hohem Niveau von der Szene bislang eher vernachlässigt wurden.

man rayEinen gelungenen Crossover von Restaurant (tagsüber) und Bar (abends) schafft auch das Man Ray. Im Mittelpunkt stehen hochwertige Zutaten und der Genuss – das alles in einem edlen Ambiente mit Lüster und viel Gold-Deko. Bisher überwiegt noch der Restaurantbetrieb, aber wer zum Essen da war, kommt häufig für die erstklassigen Cocktails wieder. „An einer vernünftigen Berliner Barkultur haben wir jahrelang gearbeitet“, sagt Barchef Dirk Becker. „Jetzt zahlen sich die Mühen aus.“ So denkt auch sein Kollege Meike Meinke. Den Triobar-Chef zieht es seit Kurzem nach Mitte, wo er einmal in der Woche im im Reingold hinter dem Tresen steht. Die Berliner Cocktailkenner wird’s freuen.

Text: Mareike Schodder

Fotos: Anna Blancke

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