Essen & Trinken

Berlin isst Stulle

alpenstucke_c_kerstin_anders_hipi„Elf Jahre lang schon!“ Elisabeth Andraschko versorgt ihre Tochter täglich mit einem Pausenbrot. Und die junge Dame hat besondere Ansprüche: Beide  Seiten müssen dick mit Butter bestrichen sein, und nicht mit irgendeiner: Am besten ist die von Butter Lindner, behauptet Tochter Andraschko. Aber der Aufschnitt soll bitte schön in hauchdünne Scheiben geschnitten sein, viel Salami zum Beispiel auf dem Graubrot – Weißbrot gibt es selten. Das Schulbrot ist seit Generationen Tradition und Ritual. Einerseits ist es im Schulalltag ein Energieschub, fördert die Konzentration und wird von allen Ernährungsexperten als wichtiger Bestandteil des Schulalltags bewertet. Aber es ist auch ein Beweis von familiärer Verbundenheit. In der großen Pause, meist so um 10 Uhr, begutachten Millionen von Schülern ihre Brote, ärgern sich über ihre Eltern, was diese da schon wieder zurecht geschmiert haben, oder freuen sich über etwas Spezielles. Manchmal landet das Mitbringsel im Müll, manchmal dient der Schulranzen als Versuchslabor, bei dem es um die Erkenntnis geht, wie lange so ein Brot verwest: ohne penetrant zu stinken.

Auch immer schön das Ritual und der Spruch, „dann pack es doch wenigstens aus, dann kannst du es später, am Abend oder zwischendurch noch essen.“ Manchmal, wenn die Nerven der Eltern blank liegen, gibt es auch Vorhaltungen weltpoli­tischer oder emotionaler Art. „Andere hätten gerne … ich gebe mir so viel Mühe, und du …?“ Betty Myller kennt die ollen Stullen, die abends aus der Schultasche ihres Sohnes auftauchen. Linus’ Argument, warum die Brote zurückkommen: Es ist zu wenig Zeit, um alles aufzuessen. Also tariert Myller die Menge Gurke – „die mag er sehr gerne“ – so aus, dass die Brotscheiben zeitlich noch verputzt werden können. Linus – er ist gerade aufs Gymnasium gewechselt – hat einen sehr speziellen Wunsch. Er will seine Schulbrote auf keinen Fall geklappt haben. Das ist ihm zu viel Brot. Also packt Myller brav die einzeln belegten Brotscheiben in Alufolie. „Zur Zeit hat er ein Frischkäsefaible“, also Frischkäse mit Wurst, Frischkäse mit Hartkäse, dazu Obst oder Gemüse, klein geschnitten, damit es einfach zu essen ist. Bei den beiden Söhnen von Matthias Tang, Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag und Brote schmierender Vater, gibt es auch immer Obst und Brote mit Wurst. „Käse ist gerade nicht angesagt.“ Die Brotbüchse mit dem hausgemachten Proviant ist immer dabei.

vollstulle_c_kerstin_anders_hipiUnd wenn es mal nicht klappt? Bei berufstätigen Eltern verständlich. „Das kommt selten vor, ein- bis zweimal im Jahr“, dann greift Myller, Producerin in der Modebranche, zu Fertigware. Fertig belegte Brote erfreuen sich in Berlin seit einigen Mo­naten großer Beliebtheit. Und es wird sogar bei den Kindern Wert auf Qualität von Brot gelegt. Iris Schmied vom Alpen­stueckle (Foto oben) kann das nur bestätigen. „Schon die Jüngsten wissen sehr genau, welches Brot sie haben möchten.“ Selbst Sechsjährige äußern ihren Wunsch. Neben den klassisch belegten Broten – hauptsächlich aus Roggenbrot – gibt es im Alpen­stueckle auch das Quarkbrot mit Radieschen und Schnittlauch, das speziell verpackt wird. Aber oft ist es die Bretzel, die in der Schultasche verschwindet.

Seit Schulbeginn haben sich zahlreiche Bäckereien auf ihre junge Kundschaft eingestellt. Das Team von Beumer & Lutum macht fast jeden Wunsch wahr. Es gibt belegte Biobrote, mit Salami und Schinken, aber auch auf Nachfrage mit Frischkäse, Hart- oder Weichkäse. Dann gibt es Klappbrote, die eine ganze Mahlzeit ersetzen, wie die von der Hofpfisterei, oder eben kleine Kunstwerke wie von Voll Stulle (Foto rechts), die vielleicht eher etwas für einen besonderen Tag sind. Doch letztendlich sind und bleiben selbstgeschmierte Brote in den meisten Familien der Renner – auch wenn es den Beteiligten manchmal gar nicht schmeckt.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Kerstin Anders / HIPI

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