Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster

mark_scheibeVor vier Jahren bin ich in den Wedding gezogen. Lange Jahre davor wohnte ich am Helmholtzplatz in einer kleinen Wohnung und wollte endlich eine große. Aber alles in dieser Gegend war teuer oder hässlich. Die günstigen Angebote kamen aus Wedding, und die habe ich anfangs völlig ignoriert. Dann, eines Morgens, ich kam sehr spät nach Hause, sah ich im Internet die Bilder meiner jetzigen Wohnung. Genau das, was ich gesucht hatte: Altbau, 90 Quadratmeter, schöner Fußboden, Stuck, Flügeltüren, Balkon, Badewanne. Allerdings war zu dieser Zeit im Kiez rund um die Grüntaler Straße nichts passiert. Es war trist, und bis vor Kurzem war ich in Gedanken auch schon wieder weg. Doch vor ein paar Monaten hat die Fos Bar der Straße ein Lebensgefühl fernab von Dönerbuden, Handyshops und Wettbüros eingehaucht. Egal wo die Menschen früher herkamen, sie waren immer schlecht gelaunt. Das ist jetzt anders.

Die Bar ist toll, hat günstige Preise, sympathische Betreiber, und die Gäste sind gemischt. Und sie kommt ganz ohne die schnöselige Abgeklärtheit des Prenzlauer Bergs daher. Es geht ausgesprochen herzlich zu, sogar fast familiär. Sie erinnert mich an die frühen 90er Jahre, als ich das erste Mal in Berlin war. Ich habe damals in einem besetzten Haus in der Gormannstraße gelebt. Es fühlt sich hier ganz ähnlich an. Ein wenig erwachsener allerdings. Die Betreiber haben einfach Möbel von Humana oder vom Sperrmüll in die leeren Räumlichkeiten gestellt. Die Wände sind nicht verputzt, alles wirkt improvisiert. Das traut sich in Mitte und Prenzlauer Berg heute keiner mehr. Und es ist alles andere als schmutzig. Ich war vor Kurzem im Tacheles, wenn da ein Hund rumläuft, der Durchfall hat, ist das völlig in Ordnung. Widerlich. Aber das gehört wohl zu einem Lebensgefühl, das ich nicht verstehe. Ich habe andererseits auch nichts gegen gehobene Lokale. Neulich war ich zum ersten Mal im Lebensstern über dem Einstein, das genaue Gegenteil zur Fos Bar. Man zahlt das Achtfache für die Drinks, und die Bar wird mit erheblichem Aufwand geführt. Das hat Stil. Aber Stil muss nicht über den Preis laufen. Wenn ich früher ausging, bin ich immer rüber in den Prenzlauer Berg gefahren. Aber wenn ich jetzt mal spät nach Hause komme und sehe, dass das F im Fenster der Bar noch leuchtet – das fühlt sich wie Nach-Hause-Kommen an.

Text: Martin Daßinnies

Foto: Kristal Burtrum 

Komponist und Entertainer Mark Scheibe ist jeden 1. Montag im Monat gemeinsam mit seinem 16-köpfigen Orchester und seiner Musikshow „Berlin Revue“ im Admiralspalast zu sehen.

Fos Bar Grüntaler Straße 9, Wedding, S+U-Bhf. Gesundbrunnen, www.myspace.com/foscafebar, tgl. ab 12 Uhr, Raucher