Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster

GottiDie Bar war schon immer mein Auffangbecken, der Täter kehrt ja stets zurück zum Tatort. Ich mag den etwas angeranzten Charme. Außerdem ist fast immer Seife auf den Toiletten, was schon mal sehr viel wert ist. Papierhandtücher gibt es auch, und es stehen meistens Blumen auf dem Tisch. Durch die Sitzordnung und die kleinen Nischen kuschelt man wie von selbst aneinander, wenn es voll ist. Jemandem die ganze Zeit gegenüberzusitzen mag ich eh nicht. So kann man gucken, die Leute und das ständige Rein und Raus beobachten. Ab und an macht es mich traurig, denn manchmal frage ich mich, was ich hier finde, das es zu Hause nicht gibt. Vielleicht, dass einem die Freundin nicht beim Trinken zugucken kann? Ich weiß es nicht. Es hat aber definitiv etwas mit den
Menschen zu tun.

Die Leute sind alle einigermaßen entspannt. Man kommt schnell ins Gespräch, manchmal wird’s auch etwas rüpelig, gerade zu später Stunde. Trotzdem stimmt die Mischung aus Touristen und Stammgästen. Ich bin ja ein heimlicher Fan der Touristen. Die haben gute Laune und Geld, was man von den meisten Berlinern nicht behaupten kann. Ich kann das ständige Meckern über die vielen Touristen auch gar nicht nachvollziehen. Was gibt es denn Schöneres, als dass Menschen Urlaub haben und den dann freiwillig in Berlin verbringen? Viel schlimmer finde ich die Berliner, die die ganze Woche über arbeiten, am Wochenende so richtig die Sau rauslassen und dabei eine so überbordende Lebensfreude entwickeln, die man als normaler Mensch nicht so recht nachvollziehen kann.

Ab und an bin ich auch mal an der Ecke im Zum Schusterjungen. Ein Altberliner Lokal, sie servieren dort ein gutes Sülzfleisch mit Remoulade und Kartoffeln. Ganz geerdetes Essen, das ich früher nicht gegessen hätte. Aber so etwas kommt wohl mit dem Alter. In Restaurants bin ich sonst nur selten. Warum auch? Mein Lieblingsrestaurant heißt immer noch Netto, aber nur das mit dem Hund im Logo. In meiner Band ging vor einer Weile ein großer Aufruhr durch die Reihen, als es dort einen Nudelsalat in neuer Geschmacksrichtung gab. Ich glaube, es sollte etwas Griechisches darstellen, mit Paprika und süß-saurer Note. Oder doch nicht griechisch? Ich weiß es nicht mehr, aber er war ziemlich lecker.

Text: Martin Daßinnies
Foto: Cathrin Bach

Musiker und Schriftsteller Martin „Gotti“ Gottschild hat bereits im März sein Buch „Der Schatz im Silberblick“ veröffentlicht. Gemeinsam mit Sven van Thom veranstaltet er jeden letzten Sonntag im Monat im NBI die Lese-Musik-Show „Tiere streicheln Menschen“.

Zu mir oder zu dir Lychener Straße 15, Prenzlauer Berg, www.zumiroderzudir.com; U-Bhf. Eberswalder Straße, tgl. ab 20 Uhr

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