Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster

PFerydoni.Ich habe viele Jahre in Bars gearbeitet und einige mitgestaltet. Ein wichtiger Grund, warum ich in Berlin nur sehr gezielt ausgehe. Denn eigentlich bin ich kein typischer Partymensch. Ich kenne die Strukturen der Gastronomie und weiß, wie es läuft. Und es gibt nur ganz bestimmte Orte, an denen ich mich wirklich wohlfühle. Mir fallen immer ganz viele Sachen auf. Etwa werde ich unruhig, wenn Gläser nicht abgeräumt werden, schmutzig sind oder Dinge passieren, die halbseiden ablaufen. Ich kann mich dann einfach nicht entspannen. Es ist doch herrlich, wenn man ein Glas in der Hand hält, das schön aussieht, in dem das Getränk betont wird und an dem nicht die Überreste des gestrigen Abends kleben. Viele der neuen Bars in Kreuzberg und Neukölln sind zwar spannend, aber die Besitzer haben scheinbar eine andere Sicht auf die Dinge. Patina ist ja charmant, aber Nachlässigkeit ist schrecklich. Zum Beispiel habe ich die Anfangstage vom Hotel in der Mariannenstraße mitgemacht. Wenn alle anderen Bars geschlossen hatten, kamen deren Mitarbeiter zu uns – die Kellner vom Würgeengel, vom Kirk, vom La Raclette, vom Fuchsbau. Man kennt sich und wächst zusammen. Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren nur noch Gast. Aber wenn ich heute irgendwo einen leeren Laden sehe, dann juckt es mich jedes Mal. Ich stelle mir vor, wo die Bar stehen könnte und wie man die Räumlichkeit aufteilen könnte.

Im Würgeengel schätze ich die Konsequenz: aufmerksamer Service, gute Drinks und eine entspannte Atmosphäre. Man spürt, dass das hier etwas Gewachsenes ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Bars, die sich jedem Trend anschließen. Diese ganzen Pop-up-Geschichten in Mitte und Neukölln finde ich nicht sehr spannend. Was Bars angeht, bin ich ein wenig italienisch. Ich mag Bars, die auch tagsüber aufhaben, wo man mittags einen Kaffee trinkt und die Belegschaft kennt, einfach einen persönlichen Bezug hat. Ich bleibe solchen Orten immer treu. In der Oranienstraße gab es früher die Makabar. Man ging dort nicht hin, um zu saufen, sondern um da zu sein. Eine Art Wohnzimmer. Und es tut weh, wenn das dann plötzlich weg ist und man sieht, wie die Immobilie jahrelang vor sich hin rottet, weil die Eigentümer horrende Mieten verlangen oder an solchen Orten eine Hochglanzbar eröffnen, die keine Seele besitzt, der die Liebe zum Detail oder zur Umgebung fehlt.

Text:  Martin Daßinnies

Foto:Daniela Friebel/HIPI

Pegah Ferydoni wurde durch die ARD-Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“ bekannt und war unlängst im Polit-Drama „Women without Men“ zu sehen

Würgeengel Dresdener Straße 122, Kreuzberg, Tel. 615 55 60, www.wuergeengel.de, U+S-Bhf. Kottbusser Tor, tgl. ab 19 Uhr, Rauchen erlaubt

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