Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster

HaberfeldBars haben für mich oft potenziellen Charakter. Mir geht es manchmal so, dass, wenn mich jemand fragt, wo wir hingehen wollen, ich ein wenig ratlos bin. Ich weiß zwar genau, welche Bars es im Kiez gibt, aber viele kenne ich nur von außen und vom Hörensagen. Das Freie Neukölln ist regelmäßig eine meiner ersten Anlaufstellen. Man kann dort entspannt sitzen und plaudern. Eine urige Eckkneipe, aber doch keine typische Altberliner Kaschemme, wie man sie vor allem weiter hinten in Neukölln findet und wo das Publikum so aussieht, als hätte es dort schon vor dreißig Jahren gesessen. Das finde ich zwar immer mal wieder lustig, es hat aber auch etwas recht Museales. Das Freie Neukölln besitzt diesen schlichten, gemütlichen Charme. Ist zugleich aber alternativ. Mir persönlich kommt es im Allgemeinen entgegen, wenn alles nicht zu schick und edel ist. Und es passt gut zum Kiez und seiner rasanten Wandlung. Ich wohne in Kreuzberg, da ist in den vergangenen Jahren auch viel passiert. Ich glaube aber, mein nächster Umzug wird mich noch ein ganzes Stück weiter rein nach Neukölln führen. Ich fliehe ein bisschen vor der Flut, die aus dem Norden kommt. Es wird alles teurer. Die Wohnung im Kiez, in dem ich jetzt wohne, könnte ich mir nicht mehr leisten, wenn ich dort jetzt hinziehen wollte. Aber das gehört nun mal dazu und es ist auch einer der Gründe, warum ich Berlin liebe.

Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zur Stadt. Grundsätzlich mag ich die schnelle Bewegung hier. Es passiert natürlich immer mal, dass ich genau davor fliehe und dass ich Gegenden nicht mehr so mag wie früher, aber Abwechslung ist mir wichtig. Kieze können so schnell eine andere Gestalt annehmen. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell das manchmal passiert. Dazu gehört natürlich auch, dass gewachsene Dinge verschwinden. Ich bin in dieser Hinsicht aber nicht sonderlich sentimental und denke nur selten zurück. Der Friedrichshain, den ich mal mochte, gibt es zu großen Teilen nicht mehr. Den Prenzlauer Berg mochte ich früher sehr. Den gibt es in diesem Zustand schon lange nicht mehr. Wenn man vor zehn Jahren mal auf einer illegalen Baustellenparty war und es ganz aufregend fand, könnte man solche Erlebnisse schon vermissen. Man selbst verändert sich aber ebenso. Und ich würde da heute wahrscheinlich eh nicht mehr hingehen.

Text:  Martin Daßinnies

Stefan Haberfeld bildet gemeinsam mit Julius Hassemer und Angelika Feckl das „Trio Ohrenschmalz“, das der Musik der 20er und 30er Jahre huldigt. Er arbeitet aber auch als Tonmeister, Pianist, Komponist und Arrangeur für diverse andere Bands sowie für Theater- und Filmprojekte.

Freies Neukölln Pannierstraße 54, Neukölln, tgl. ab 19 Uhr, Küche bis 23 Uhr, www.freies-neukoelln.de

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