Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster

ThadeuszIch wünschte oft, es wäre anders. Aber ich lebe in keinem Film. Hätte ich einen Reisebuchladen, dann würde niemals Julia Roberts bei mir ein Buch kaufen. Die badet auch niemals in meinem Hotelzimmer und erzählt mir, wie sie in die Prostitution gerutscht ist. Kein ‚Notting Hill‘, kein ‚Pretty Woman‘. Nichts Filmreifes, noch nicht einmal mit Franka Potente. Weil es ist, wie es nun mal ist, bringe ich mir in eine Bar eine Bekannte oder einen Freund mit. Dann fehlt mir Julia Roberts auch allermeistens überhaupt nicht. Einmal geschah aber doch das eigentlich Ausgeschlossene. Ich saß spätnachts mit einem sehr guten Freund in einer Bar am Wasserturm in Prenzlauer Berg. Dann kamen zwei Frauen. Die eine randvoll mit irgendeinem Zorn, die andere offenbar ihre Sekundantin. Passte auf, dass ihre Freundin nicht den Blödsinn macht, den auch eine Frau deutlich über 30 mit einer Überdosis Prosecco zu verüben bereit ist.

Die wütende Betrunkene setzte sich alsbald neben mich. Die Betreuerin kümmerte sich um meinen Freund und versuchte ihm mit einem Gespräch über den Afghanistan-Krieg die Nacht zu versüßen. Während die beiden also nicht angeregt plauderten, schob mir meine Zufallsbekanntschaft ohne große Vorrede die Hand unter das T-Shirt. „Du hast mal viel Sport gemacht und dann bist du dick geworden“, raunte sie mir zu. War natürlich durchaus richtig. Denn während sie meinen Wanst betastete, machte ich ja schon wieder keinen Sport. Dennoch ließ mich ihre willkürliche Grausamkeit zweifeln, ob wirklich jeder Mann in einer Bar besonders tolle, weil haltlose Frauen kennenlernen kann.

Ich schätze in Bars, wie auch in aller anderen Gastronomie, wenn Profis am Werk sind. Kein Mitte-Mann, der durch ein gut sitzendes T-Shirt schon glaubt, er habe damit eine nachvollziehbare Aufenthaltsberechtigung hinter einer Theke. Ich möchte mir in einer Bar unter keinen Umständen vorkommen, als stünde ich wieder im evangelischen Jugendheim, bei der von uns Konfirmanden organisierten Tanzveranstaltung. Ich möchte nicht schreien müssen, ich möchte rauchen. Ich möchte gepflegte Spirituosen in der Nähe wissen. Für den Fall, dass das Schicksal mir eine Narkose vorschreibt. Wenn ich nur bei einem Glas Rotwein bleibe, soll es aber auch keinen schiefen Blick vom Barkeeper geben. Das alles geht im Windhorst besser als gut. Deswegen werde ich da in Zukunft häufiger sitzen, keinen Sport treiben und mir im Selbstgespräch versichern, ich sei nicht dick.

Text: Martin Daßinnies

Foto: Mary-Ann Weber

Jörg Thadeusz ist Radio- und Fernsehmoderator. Seine Talkshows „Thadeusz“ und „Dickes B.“ werden vom RBB ausgestrahlt. Für Radio Eins moderiert er regelmäßig die Wissenschaftssendung „Die Profis“.

Windhorst Dorotheenstraße 65, 10117 Mitte, Mo-Fr ab 18 Uhr, Sa ab 21 Uhr, Tel: 20 45 00 70, S+U-Bhf. Friedrichstraße

Mehr über Cookies erfahren