Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster: Christian Becker

MW_MariettaBarEs ist immer von Vorteil, wenn man eine Bar hat, die direkt an die Haustür grenzt. Ich versuche, wie man das auch so schön vom Sport sagt, mindestens einmal pro Woche in die Marietta zu gehen. Sie ist für mich das, was man gemeinhin als Kiezbar bezeichnet. Ich kann abends einfach mal runtergehen, etwa während meiner Arbeit, um etwas zu trinken. Und das braucht nicht unbedingt etwas Alkoholisches zu sein. Später gehe ich vollkommen neu inspiriert wieder nach oben und bringe die Nacht in einer ziemlich coolen Verfassung zu Ende. Es hat aber auch seine Nachteile. Manchmal fällt es schwer, das richtige Maß abzuschätzen. Es ist wie bei so vielem: Fluch und Segen zugleich. Das erste Mal war ich hier vor drei Jahren. Im Sommer. Ich kam gerade vom Wannsee. Es war ein Mittwochabend, daran erinnere ich mich sehr gut, denn der ist im Marietta traditionell sehr angesagt. Die Gäste standen bis hinaus auf die Straße. Zuerst dachte ich an einen Unfall. Und natürlich folgte ich dem menschlichen Trieb, auch mal gucken zu wollen. Ich bin also rein und habe gemerkt, dass die Leute tatsächlich nur um die Bar stehen. Das fand ich sehr krass. Zumal es das hier wirklich nur an einem Tag in der Woche gibt. An anderen Tagen herrscht eher normaler Betrieb. Später fand ich dann heraus, dass sich am Mittwoch im Marietta traditionell viele Schwule treffen. Das ist bis heute so.

Noch etwas anderes ist hier sehr prägnant: die Selbstbedienung. Die kann man nun gut oder schlecht finden. Sie hat aber den Vorteil, dass man, wenn man etwa arbeitet, nicht ständig vom Service mit der Frage gegängelt wird, ob man noch etwas trinken will, wenn die Kaffeetasse leer ist. Es hat aber den Nachteil – und den reizt die Bedienung vollends aus –, dass beispielsweise der Kaffee immer auf dem Tresen bleibt. Ist man das erste Mal hier, fragt man sich spätestens nach zehn Minuten, wo die Bestellung bleibt. Aber es kommt niemand, um einem den Kaffee zu bringen. Selbst wenn die Bar leer ist. Die Getränke kommen hier nur bis zum Tresen. Punkt! Früher hat darauf zumindest noch ein Schild hingewiesen. Das gibt es mittlerweile nicht mehr. Ab und an ist der Kaffee also kalt. Aber das sind Lernmomente, die hier jeder Gast durchlaufen muss. Und es ändert nichts daran, dass viele Gäste wiederkommen.

Aufgezeichnet von Martin Daßinnies

Foto: Mary Ann Weber / HIPI

Christian Becker aka DJ Chris Bekker lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin und ist neben seiner Tätigkeit als DJ und Produzent Inhaber der Corporate Sound Agentur „klang ID berlin“. Zudem doziert er an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft über Marketing und Corporate Sound

Marietta Stargarder Straße 13,  Prenzlauer Berg, www.marietta-bar.de

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