Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster: Meret Becker

MeretEin zweites Wohnzimmer, das war Der Goldene Hahn seinerzeit für mich, als ich noch in der Muskauer Straße gewohnt habe. Das erste Mal, dass ich hier war, muss wohl 18 Jahre her sein. Und im Grunde hat sich nichts wesentlich verändert. Gut, früher war es nicht so voll. Heute dient der Tresen an der Bar mehr als Wartehalle denn als eigentliche Bar. Dabei ist die Theke wirklich schön. Unter der verglasten Vitrine liegt unglaublich viel Schwachsinn und Klimbim. Brillen, Fotos, Kaugummis, Schnürsenkel, alte Kartenspiele – kann man alles kaufen, insofern man möchte. Und man kann sich so beim Trinken mit allmöglichem Blödsinn beschäftigen. Außerdem legen die Kellner noch echte Platten auf. Also Vinyl. Das hat Charme. Ich mag auch den Eingangsbereich mit dem großen alten Schrank und den vielen Schubfächern. Solche Schränke standen früher immer in Apotheken. Ich weiß aber nicht, ob hier wirklich mal eine drin war. Könnte, den Beschriftungen nach, auch ein Bioladen gewesen sein.

Paulo, der Inhaber, hat hier ganz klein angefangen und damals sogar noch selbst gekocht. An den Gerichten hat sich bis heute wenig verändert. Seit Beginn an wird anstatt einer Karte einem eine große Tafel an den Tisch gebracht. Da gibt es eine kleine Auswahl an Vor-, Haupt- und Nachspeisen. Nichts Großes, aber authentisch. Paulos Küche ist einfach keine Behauptung. Das sind hier alles Italiener und die kochen eben italienisch. Ich habe das schätzen gelernt, denn früher bin ich wirklich mehr zum Trinken hergekommen, mittlerweile bin ich aber fast ausschließlich wegen des Essens da.

Es hängt vieles vom Besitzer ab. Mich muss niemand mit einem Handschlag begrüßen, aber es gibt Läden, da darf der Chef einfach nicht fehlen. Das Gegenbeispiel zum Goldenen Hahn ist für mich die Rote Harfe. Die gab es schon in den 60ger Jahren. Als ich in den 90ern noch oft dort war, da wurde sie von Chaos, einem Punkrocker aus Kreuzberg, geführt. Alles war komplett schwarz gestrichen. Im oberen Bereich sah alles sehr nach Omas Wohnzimmer aus und war mit türkischen Billigteppichen ausgelegt. Morgens aß man hier Frühstück, abends trank man sich unter den Tisch. Jetzt sind in der Harfe zwar die Wände alle schön gemacht und das Interieur ordentlich glattgebügelt, aber der Charakter ist weg. Das ist schade, gehört zu einer Stadt wie Berlin aber eben dazu.

Aufgezeichnet von Martin Daßinnies

Foto: Nina Zimmermannm/HIPI

Der Goldene Hahn Pücklerstraße 20, Kreuzberg, tgl. ab 19 Uhr, Tel. 618 80 98, www.goldenerhahn.de

Meret Becker ist noch bis zum 1. Mai mit ihrer Band „Meret & The Tiny Teeth“ im Tipi am Kanzleramt zu sehen

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