Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster: Michail Stangl

Michail_StanglEin Club hat viel Eskapistisches. Er ist eine Art Nicht-Raum, außerhalb des regulären Alltags. Ich gehe nicht oft in Bars, denn sie sind mir oft zu klein, die Bewegungsfreiheit zu eingeschränkt. Ich muss in der sozialen Struktur eines Ortes umherfließen können, und Bars sind schlicht zu einengend.

Meine Jugend habe ich, nachdem ich mit meiner Familie aus Moskau nach Deutschland gekommen bin, in der mittelhessischen Peripherie verbracht, in einem 380-Seelen-Dorf. Die nächste größere Stadt hatte 10.000 Einwohner. Dort gab es nur eine „Indie-Disko“ und eine Kneipe, in der wir meistens endeten. Vielleicht erinnern mich Bars einfach zu sehr an meine Jugend auf dem Land. Wenn man dort groß wird, wird man mit so vielen Sehnsüchten aufgeladen und nimmt dann, sobald man die Möglichkeit hat, den ersten großen Zug raus in die Welt. Berlin war für mich all das, was ich sonst nur aus dem Internet oder dem Plattenladen kannte. Als ich dann das erste Mal in Berlin in einem Club war, die letzte Party im Tresor, und die Energie auf der Tanzfläche gefühlt habe, war das wie eine Erleuchtung.

Ein Club ist aber auch ein sozialer Raum. Das Klischee, dass dort kein Platz für Interaktion ist, stimmt einfach nicht. Überall finden sich Nischen und Räume, in denen es intim sein kann, ähnlich wie in einer verrauchten Bar. In einer Bar aber wird laute Musik meistens als störend empfunden. Im Club wirkt sie aber nicht nur emotional, sondern auch körperlich. Man kann zur Anlage stürmen, sich vom Bass durchmassieren lassen. Das ist für mich der wesentlichste qualitative Unterschied.

Mit dem Chez Jacki verbinde ich einen großen Freundeskreis, von den Besitzern bis zum Barpersonal, von den regulären Gästen bis hin zu anderen Veranstaltern. Es zieht einem natürlich den Boden unter den Füßen weg, wenn so ein Ort schließen muss. Es dauert, bis man sich neu orientiert hat. Mit dem Chez Jacki fällt ein Club weg, der als einer der wenigen in Berlin bereit war, Musik jenseits vom Dancefloor-Mainstream auch mal an einem Freitag oder Samstag zu spielen. Und das, obwohl es einfach wäre, den Laden mit einem großen House- und Technopublikum zu füllen. Ich habe noch keine Ahnung, wo ich mit meinen kleineren Veranstaltungen nach der Schließung im Oktober hingehen soll. Dafür gibt es in Berlin momentan zu wenige Freiräume, logistisch wie finanziell.

Aufgezeichnet von Martin Daßinnies

Foto: Mariy-Ann Weber/HiPi

Michail Stangl ist DJ, Labelbetreiber und Promoter und organisiert u.a. die Partyreihe Leisure System im Berghain am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, www.berghain.de, und Densehall im Chez Jacki, An der Schillingbrücke, Friedrichshain, www.chezjacki.com. Die nächste Party findet dort am 9. Juli statt.

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