Essen & Trinken

Berliner Bargeflüster: Tonia Reeh

ToniaReehMeine erste Begegnung mit dem Schokoladen hatte ich vor 19 Jahren. Ich war pleite, zog um die Häuser, um in Bars Klavier zu spielen. Aber ich kannte hier niemanden, und so blieb die Tür für mich erst einmal verschlossen. Trotzdem bin ich wiedergekommen, wenn auch nur als Gast. Später habe ich die Betreiber kennengelernt und war irgendwann nicht mehr nur Gast, sondern Kollektivmitglied. Diese Form des Barbetriebs existiert bis heute. Ich habe die Technik gemacht, viele Konzerte gemixt und hinter der Bar gestanden. Mein erstes Konzert als Solokünstlerin am Klavier und mit eigenen Stücken habe ich erstaunlicherweise erst vor drei Jahren gehabt. Zwar bin ich schon vorher mit verschiedenen Bands aufgetreten, aber bis zu meinem ersten richtigen Soloauftritt hat es ewig gedauert. Es war spannend und hat großen Spaß gemacht. Hier spielen viele junge, oft internationale Bands, die sonst nicht in Berlin spielen würden. Denn es gibt in dieser Größe kaum noch Orte für aufstrebende Bands, die noch kein großes Publikum anziehen. Die Bar ist gleichzeitig ein sehr gesprächsoffener Ort. Man lernt ständig interessante Menschen kennen. Mittlerweile bin ich leider nicht mehr oft im Laden, pflege aber zu vielen Mitarbeitern ein in­niges Verhältnis – und kenne darum ihre Nöte.

Der Schokoladen ist, wie viele andere Club- und Konzerthäuser, ständig von der Schließung bedroht. Anfang der 90er Jahre wurde das leerstehende Haus, in dem sich der Schokoladen befindet, besetzt. Mit den Jahren wurden dann ordentliche Mietverträge abgeschlossen, und das hat – mal mehr, mal weniger – immer irgendwie funktioniert. Doch seit drei Jahren will der Vermieter das Haus anderweitig nutzen. Und das würde nicht nur das Aus für den Schokoladen bedeuten, sondern auch für viele Künstler, die dort arbeiten, sowie für das Theater und den Club der polnischen Versager. Im Moment läuft eine Räumungsklage, die Verhandlung darüber ist für Ende September angesetzt. Der Schokoladen kann also gerade jede Menge Unterstützung gebrauchen, egal in welcher Form. Er ist schließlich einer der letzten Orte in Mitte, die alternativer Kunst uneingeschränkt einen festen Platz einräumen.

Aufgezeichnet von Martin Daßinnies

Foto: Florian Bolk / HIPI

Tonia Reeh, vor allem unter ihrem Pseudonym Monotekktoni bekannt, veröffentlicht am 23. September ihr neues
Album „Boykiller“ und stellt es am 30. September im .HBC vor.

Schokoladen Ackerstraße 169/170, Mitte, tgl. ab 20 Uhr, Tel. 282 65 27, www.schokoladen-mitte.de

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