Essen & Trinken

Berliner Brauereien haben einen Qualitätsanspruch

JN_Heidenpeters-25Es ist Donnerstagabend und eine Traube Menschen schart sich vor einer selbstgezimmerten Theke in der Markthalle Neun. Thirsty Lady heißt das Objekt ihrer Begierde, ein fruchtig-leichtes Ale – und einen Stock tiefer im Kellergewölbe von Johannes Heidenpeter (Foto links) per Hand gebraut wird. Im Dezember 2012 ist Heidenpeter in die Produktion gegangen. Damit liegt er im Trend der Craft-Beer-Welle, die Ende der 70er Jahre in England startete, in die USA überschwappte und mittlerweile in Deutschland angekommen ist. „Meiner Meinung nach war das überfällig“, sagt Heidenpeter. „Wie bei anderen Lebensmittel gibt es eine Sehnsucht nach besserer Qualität.

Zwar genießt deutsches Bier weiterhin weltweit einen guten Ruf, doch ist durch die Dominanz der Großbrauereien die Geschmacksvielfalt auf der Strecke geblieben. Kleine handwerkliche Betriebe füllen nun diese Lücke. In Berlin gehören das Eschenbräu und Hops & Barley seit über zehn Jahren zu den Pionieren der hiesigen Craft-Beer-Bewegung. Seitdem sind weitere Klein-Brauereien dazu gekommen, drei allein im letzten Jahr. Dass mittlerweile erste Festivals stattfinden, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass der Trend einen unumkehrbaren Punkt erreicht hat. So traf sich die Szene bereits Ende Juli zu den Craft Beer Days in der Malzfabrik in Tempelhof. Noch größer dürfte das Braufest Berlin werden, bei dem sich fast 20 handwerkliche Brauereien auf dem RAW-Gelände vorstellen werden. Die Vielfalt reicht von Pils über Rotbier bis hin zu Variationen des cremigen Indian Pale Ale, einem obergärigen Bockbier. Allen gemeinsam ist, dass sie unfiltriert und unpasteurisiert sind.

choppe_braeuAuch mit dabei: Thorsten Schoppe, der bereits seit 2001 mit seinem Brauhaus Südstern in der Kreuzberger Hasenheide am Start ist und im September das Pfefferbräu im Prenzlauer Berg aus der Wiege hebt. Der gelernte Brauer und studierte Brauinge-nieur produziert Helles, Dunkles und Weizen, aber auch kleinere Mengen gehopfter Craft Ales unter dem Label Schoppe Bräu. An der Craft Beer Bewegung gefällt Schoppe vor allem die Offenheit. „Man schaut über den Tellerrand und braut nicht nur das, was in Deutschland schon immer gebraut wurde, sondern man respektiert internationale Brautraditionen.“ Auch das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Berliner Szene weiß er zu schätzen. Dazu gehört für ihn auch, den Nachwuchs tatkräftig zu unterstützen. So stellt er für das studentische Startup Beer4Wedding Biere nach deren Rezepturen in seinem Sudhaus her. Julian Schmidt (Mitte), einer der drei Gründer, hat sogar ein Praktikum bei Schoppe gemacht.

„Diese Lässigkeit ist es, die wir an der jungen Craft Beer Szene schätzen“, sagt Sebastian Mergel (rechts), der zweite im Gespann von Beer4Wedding, zu dem auch Andrй Schleypen (links) gehört. „Keiner sieht sich als Konkurrenz an. Wenn überhaupt, dann sind die Großen unsere gemeinsame Konkurrenz.“ Seit Oktober 2012 kann man sich Beer4Weddings süffiges WPA (Wedding Pale Ale) in rund einem Dutzend Berliner Kneipen schmecken lassen. Die Jungs sind stolz, dass ihr Bier gut ankommt. „Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir mehr verkaufen könnten, wenn wir mehr Kapazitäten hätten.“

beer4wedding_c_jascha_eidamAn Ideen mangelt es jedenfalls nicht. Mit ihrem cremigen Oyster Stout landeten sie letztes Jahr auf Platz 2 beim Internationalen Brauwettbewerb der TU-Hamburg/Harburg. Und erst vor kurzem ist in Kooperation mit der dänischen Mikrobrauerei Stronzo ein Bier entstanden, das auf dem Braufest Berlin seine Premiere haben wird. Johannes Heidenpeter wird dort mit einem mit Chili gebrauten und mit Aprikose vergorenen Ale aufwarten. Vergleichsweise traditionell geht es bei Christoph Flessa (Foto links) zu. Seit September 2012 braut der Autodidakt in einer ehemaligen Hinterhof-Fleischerei in erster Linie Weizen, Export und Pilsner. Dazu kommen Saisonbiere wie Bölsch (Berliner Kölsch), Indian Pale Ale oder Rotbier. „Beim Craft Beer ist vor allem die Qualität der Rohstoffe wichtig und dass es handwerklich hergestellt wird“, sagt Flessa, bei dem Etiketten per Hand mit dem Haltbarkeitsdatum beschriftet und auf die Flaschen geklebt werden. 

christoph_flessaEigentlich wollte er in Mexiko, wo er mit seiner Familie bis 2007 wohnte, eine Brauerei aufbauen. Als dort die Gewalt überhand nahm, beschloss er, das Ganze in Berlin aufzuziehen. „Ich hab angefangen auf dem Balkon zu brauen, und als der Platz nicht mehr reichte, bin ich in den Keller umgezogen„, beschreibt er den Anfang seiner Firma. Damit er in Zukunft vom Brauen leben kann, bemüht sich Flessa um ein Darlehen für eine größere Anlage. „Der Trend wird weiterwachsen“ – davon ist er überzeugt. „Und die Konkurrenz sehe ich eher als Bereicherung.“

Text: Andrea Schulte-Peevers

Fotos: Julia Nimke / HiPi (Heidenpeters); Jascha Eidam (Beer4Wedding), Sarah Heuser / HiPi

ADRESSEN UND TERMINE:

Heidenpeters? in der Markthalle Neun, Eisenbahnstraße 42-43, Kreuzberg, ?www.heidenpeters.de

Schoppe Bräu Hasenheide 69, Kreuzberg, ?www.schoppebraeu.de

Beer4Wedding? www.beer4wedding.de

Flessa Bräu? Petersburger Straße 39, ?Friedrichshain, ?www.brauerei-flessa.de

Braufest Berlin? www.braufest-berlin.de

Bier Berlin Shop? Kirchstraße 23, Moabit, ?www.berlinbiershop.com

Hopfen & Malz ?Triftstraße 57, Wedding, ?www.hopfenmalz.de

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