Essen & Trinken

Berliner Brause-Barone

Blick__berKreuzberg„Wir suchten eine natürliche Alternative zum Energydrink“, erinnert sich Nico Wojak an den Beginn seiner Karriere als Brause-Hersteller. Zusammen mit Freundin Melanie hat der 26-Jährige vor knapp einem Jahr den Mate-Apfelsaft-Mix Berliner Mätchen aus der Wiege gehoben. Zum ersten Mal mixten die beiden den hippen Trunk in der WG-Küche: Kalter Matetee und Apfelsaft war das Grundrezept, daran hat sich bis heute wenig geändert, nur Kohlensäure ist hinzugekommen. „Die einfachen Rezepte mit den wenigsten Zutaten sind die besten“, sagt Nico Wojak. Berliner Mätchen schmeckt wie eine angenehm herbe Apfelschorle und erinnert dabei an den südamerikanischen Matetee. Die Äpfel stammen von Streuobstwiesen aus Süddeutschland, der Mate aus Brasilien. Zusätzliches pflanz­liches Koffein aus der Kaffeebohne macht Berliner Mätchen zum Wachmacher.

Nur mit Hilfe aus der Familie konnten sie vergangenen Sommer die erste Abfüllung finanzieren, mit Spannung wurde die Ladung in Kreuzberg erwartet. Ein Desaster. 6?500 Flaschen mit einem Getränk, das wie einfache Apfelschorle schmeckt. Zum Glück hatte der Abfüller mit den beiden ein Nachsehen: Er nahm die Ladung zurück und erlaubte ihnen einen zweiten Versuch. Mit doppelt so viel Mate wie in der Kultbrause Club Mate klappte es dann im zweiten Anlauf. „Vier Tage die Woche kümmern wir uns jetzt um unser Berliner Mätchen“, sagt Nico (rechts).

melli_nicoDie restliche Zeit arbeitet er in der Gastronomie, seine Freundin Melanie (rechts) als Grafikerin. Zehn Kästen pro Woche liefern die beiden Hobby-Brauer derzeit an Spätis, Cafйs und Restaurants in Berlin, arbeiten sich in Buchhaltung ein und versuchen, neue Abnehmer zu finden. „Mit Probierflaschen im Handgepäck ziehen wir durch die Stadt und lassen die potenziellen Verkäufer probieren“, sagt er. Beim nächsten Mal wollen sie die doppelte Menge abfüllen lassen, das sei ökologisch und wirtschaftlich sinnvoller.

Nermin Зelik ist Mutter von fünf Kindern und lebt in Kreuzberg. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder die typische Cola trinken“, sagt die 39-Jährige, die früher als Schauspielerin gearbeitet hat. Vor einem Jahr entwickelte sie die Glam Cola, die sich erst beim Probieren als Colagetränk zu erkennen gibt. Glam Cola ist die erste klare Cola. Anstelle von Phosphorsäure enthält sie natürliche Zitronensäure, statt Zucker vegane Apfelfruchtsüße. Nur der Koffeingehalt ist mit 15 mg pro 100 ml nicht gerade kinderfreundlich, deshalb soll bald eine koffeinfreie Variante entstehen. Glam Cola ist nicht so süß, besitzt dafür aber eine milde Ingwer-Note. Schließt man beim Trinken die Augen, spürt man ein Prickeln auf der Zunge, dann stellt sich der typische Cola-Geschmack ein.

glam_cola„Es gibt auf der Welt 524 braune Cola-Sorten“, sagt Nermin Зelik, „dass es keine klare Cola gibt, hat mich echt überrascht.“ Vergangenen März startete Nermin Зelik (links) in der Südsternbrauerei die Produktion mit 100 Litern pro Monat, heute sind es 6?000. Bis ins KaDeWe hat es die Glam Cola geschafft, an die 20 Kisten gehen hier wöchentlich über die Ladentheke. Berlin sei der perfekte Ort, um sein eigenes Ding zu machen, sagt Nermin Зelik, hier gebe es alles, was man braucht: kleine Brauereien, Speditionen, Logistik und viele freundliche Verkäufer. Julia Akra, Susanne Schmidt und Sophie Richter haben ihre Fassbrause mit dem schönen Namen Kreuzbär vier kreativen Studenten zu verdanken, die genug hatten von den Bio-Hipster-Getränken und etwas ­Bodenständiges wollten. Das war Anfang 2012.

Nach einem Originalrezept von 1908, das sie im Internet fanden, wurde im Sommer 2012 der erste Kreuzbär abgefüllt. Anstelle von industriellem Zucker enthält die Brause Rohrzucker, statt Zitronensäure natürliches Zitronen- und Apfelsaftkonzentrat. Typisch ist der malzige Geschmack. Nach der ersten Abfüllung ging den Studenten nicht nur das Geld, sondern auch die Luft aus, weshalb sie den Kreuzbär an die drei Frauen weitergaben. Durch ihre Arbeit bei einem Energydrink-Hersteller verfügten sie zumindest über Fachkenntnisse und seit Anfang 2013 bilden sie das Kreuzbär-Team. Heute ist das Getränk in der traditionellen Steini-Glasflasche in vielen Spätis, Bars und sogar bei Kaiser’s erhältlich. Seit Kurzem gibt es auch eine koffein­freie Variante für Kinder, das Kreuzbärchen. Sie ist nicht so herb und wird in einer Plastikflasche verkauft, denn „Kinder und Glasflaschen passen nicht zusammen“, sagen sie.

Kann also jede kleine Brause ein Erfolg werden? Mirko Bode (Foto unten), Gründer des Onlineversands Revolutiondrinks, sagt: „Ja, aber nur, wenn die Hersteller ihre Ethik beibehalten.“ Das heißt: faires Verhältnis zwischen Hersteller und Verkäufer, keine aufdringliche Werbung und hohe Qualität. „Beim Erfolg spielen die Werte heute eher eine Rolle als der Verkaufspreis.“ Die Bionade beispielsweise hat ihr cooles Image durch zu schnelles Wachstum verspielt, der Verkauf ist von 200 Millionen Flaschen pro Jahr auf 40 Millionen zurückgegangen. „Man geht halt ins Restaurant, um etwas Besonderes zu essen und zu trinken“, sagt Mirko Bode. Marken, die einen besonderen Geschmack besitzen, werden sich durchsetzen, ist seine Meinung.

revolutionsdrinks„Auch alles mit dem Verweis auf Kreuzberg geht gut weg.“ Besonders bei Tou­risten sind die Berliner Szenegetränke ­beliebt. Die meisten Kunden aus Süddeutschland kaufen dann nicht nur eine Flasche, sondern oft einen ganzen Kasten, um in der Heimat zu zeigen: Wir sind hip, wir waren in Berlin. Das sei so ähnlich wie mit den Hard-Rock-Cafй-Shirts.

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Diesen Trend wollen auch die großen Getränkekonzerne nicht verpassen. Doch auf der einen Seite wollen sie angesagte Getränke auf den Markt bringen, auf der anderen Seite ihr Stammklientel nicht ­verprellen, das mit einer Bio-Limonade nichts anzufangen weiß. So entstehen dann diese pseudonatürlichen Getränke. Mirko Bode vermutet, dass in den nächsten 50 Jahren Limonaden von kleinen lokalen Erzeugern den großen Konzernen mächtig zusetzen werden. Aber welche Getränke erwarten uns bis dahin? „Für diesen Sommer auf jeden Fall viel mit ­Apfel und Minze“, sagt Mirko Bode.

Text: Simon Grothe

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