Essen & Trinken

Berliner Isierung

Die Hauptstadt birgt immer wieder kleinbürgerliche Tücken, gerade in den Kiezen taucht genau das wieder auf, weswegen wir mal aus unseren Kleinstädten geflohen sind. Tatort Winterfeldtkiez Schöneberg: In der Maaßenstraße haben einige Geschäfte dichtgemacht – und es durfte auf keinen Fall Gastronomie nachfolgen. Dann machte die Patisserie Al­brecht in der Winterfeldtstraße zu. Bis heute Leerstand – keine Nachfolger, egal welchen Gewerbes. Jetzt Graefekiez in Kreuzberg: das gesunde Wohnverhältnis und die Nicht-Belästigung sind entscheidend für die Nicht-Genehmigung von Gastronomie. Die nächtlichen Fensteröffner haben wieder zugeschlagen. Es ist unten in der Kneipe zu laut, wenn man in den heißen Nächten schlafen muss, weil am nächsten Tag Arbeit wartet.

Haben die Gäste unten nichts zu tun? Woher haben die ihr Geld, dass sie so leben können? Auch unsere Nachbarin in Elmenhorst war nervlich zerrüttet bei diesen Fragen, die sie sich und anderen immer wieder stellte. Wir alle wissen, dass die Welt sehr ungerecht sein kann. Wenn man Kinder hat zum Beispiel und die die ganze Nacht nölen, weil sie bei der Wärme schwitzen. Da guckt man nicht gerne zu, wenn andere feiern – verständlich. Dass man nicht unbedingt Flat-Rate-Trinkern und Touristenströmen auf dem Gehsteig ausweichen will, wenn man nach Hause kommt? Auch klar. Aber: Wir leben in Berlin, einer Stadt, deren Ruf weltweit ist: Party, Clubs, gutes Essen, gutes Leben zu angemessenen Preisen. Da scheint die Hitze einigen Bürokraten zu Kopfe gestiegen zu sein. Kneipisierung – wem fallen denn solche Begriffe ein? Was meint der kluge Kopf zu Spielhöllisierung, zu Discountisierung, zu Ein-Euro-Shop-Isierung? Denn auch das gehört ganz bestimmt nicht zu einem gesunden Wohnverhältnis.

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