Essen & Trinken

Berlins neue Generation von Whiskyfreunden

WeinWhiskeyDer Geruch von Whisky liegt in der Luft, er steigt vom Boden auf. Auch heute wird den Teilnehmern des Einsteiger-Tastings im Cadenhead’s Whisky Market nahe gelegt, ihre benutzten Verkostungsgläser mit Wasser auszuspülen und das dann einfach auf den Boden zu kippen. „Die Dielen übergieße ich sowieso einmal im Monat mit Wasser, damit sie nicht so knarrzen“, sagt Karsten Frenz. Der Leiter des „informativen Trinkens“, wie er es nennt, lockert die Atmosphäre unter den Frischlingen auf. Sie sollen Spaß an der Sache haben, während sie seinen Vorträgen zuhören, Fragen stellen, wie die Profis schnüffeln und nippen an dem schweren, 12 Jahre alten Glenfiddich und dem torfigen, 16-jährigen Lagavulin.

Es sind etwa 15 Interessierte erschienen. Der Altersdurchschnitt liegt bei ungefähr 30, die jüngsten Teilnehmer sind Eric, 24, und Hauke, 25. „Wir haben eben entdeckt, dass Whisky schmeckt“, konstatieren sie nüch­tern. Auch eine Dame ist an­wesend: Anna-Amalie, 25, von Beruf Schauspielerin. Als gäbe es das Klischee des zigarrerauchenden, whiskytrinkenden Herren nicht. Eine neue Generation von Whiskyfreunden wächst heran. Ob diese das besere Produktionsverfahren – Grain oder nicht Grain – herausschmecken kann? „Aus dem Flat-Rate-Party-Alter sollte man jedenfalls raus sein“, darauf legt Klaus Pinkernell viel Wert. Er ist der Inhaber des Cadenhead’s und Veranstalter der Tastings.

Ähnlich zieht Werner Hertwig die Grenzen des guten Geschmacks. „Ich verkaufe Genuss- und keine Betäubungsmittel.“ Seit 1986 betreibt er sein Fachgeschäft Wein & Whisky, wobei sein Sortiment fast ausschließlich aus schottischen Single Malts besteht. Diese wiesen grundsätzlich die höchste Qualität auf, besonders im Vergleich zu den handelsüblichen Blends. Warum? Es sei der Herstelllungsprozess: Während ein Single Malt, gewonnen aus gemälzter Gerste, das Produkt einer Brennerei ist, werden Blends mit Industriealkohol verschnitten. „Gerade der Discounter-Verschnitt besteht nur zu etwa 20 Prozent aus einem Single Malt, der Rest ist Fusel. Daher kommen auch die Kopfschmerzen“, so grenzt Hertwig die milde Massenware – über 90 Prozent aller Whiskys werden blended getrunken – vom anspruchsvollen Verwandten ab.

Angefangen hatte der Whisky-Experte Hertwig mit 18 verschiedenen Sorten, mittlerweile hat er etwa 2.500 im Angebot, wobei ein hochwertiges Whisky-Set mit bis zu 3.000 Euro zu Buche schlägt. Ob deswegen das Klischee des betagten Liebhabers bestätigt wird? „Früher kauften etwa 99 Prozent Männer bei mir ein, nun sind es nur noch zwei Drittel“, beschreibt Hertwig den Wandel. Zudem werden die Käufer immer jünger. Zwar fehle den frühen Zwanzigern das nötige Kleingeld, die um 30 seien aber ein stetig wachsender Teil seiner Kundschaft. Dass der Markt immer jünger und weiblicher wird, konnte Hertwig auch auf dem Cöpe­nicker Whiskyherbst Anfang September beobachten. Der Mitveranstalter der Whisky-Messe durfte etwa 3.500 Interessierten seine hervorragende Auswahl an Single Malts präsentieren. Hervorragend? Ja. Aber dass der ein­same Malzbrand dem Verschnitt regelmäßig überlegen sein soll, sieht Andreas Borrmann anders. Er betreibt zusammen mit seinem Bruder Bernd das So Frosch in Friedrichshain und veranstaltet alle sechs Wochen Tastings, bei denen die regionalen Unterschiede des schottischen Whiskys erklärt und probiert werden.

Borrmanns sind Blend-Liebhaber: „Der Verschnitt ist unterbewertet. Wenn der Malt das Instrument ist, dann ist der Blend das Orchester“, meint Andreas. Ein Johnny Walker beispielsweise enthält über 30 Whiskys, weswegen zwar einige Geschmäcker verschwimmen, andere hingegen multiplizieren sich. Warum trotzdem viele den Malt für hochwertiger halten? „Das ist der Hype.“ Damit verweist Borrmann auf ein Stück Whisky-Geschichte. Früher, bevor Whisky exportreif war, wurde er in Schottland und Irland ausschließlich als Single Malt getrunken. „Was damals Single Malt war, würde uns heute umbringen“, weiß der Experte. Als aber die ersten Verschnitte hergestellt wurden, verlor der Brand das Feuer. Die zahmen Blends waren dann das, was man ausschließlich auf dem europäischen Festland kannte – bis Glenfiddich kam. Böse Zungen unterstellen der schottischen Brennerei Glück: Nachdem sie sich mit der Distillers Company Limited (DCL), dem damals führenden schottischen Getränkekonzern, 1963 überwarf, wurde ihnen der Grain-Hahn zugedreht. So fehlte ihnen ungemälztes Getreide zum Verschneiden. Folglich blieb nur noch die Produktion von Single Malt – mit riesigem Erfolg. Glenfiddich ist mitverantwortlich für den neuen Boom und das führende Unternehmen für Single Malt. Der Hauch von Vanille, Nuss und frischem Gras belebt den Markt.

Vom Boom profitieren übrigens auch die Borrmanns in Friedrichshain. 2010 wurde ihre Kneipe vom Whisky Guide Deutschland als eine der besten deutschen Whisky-Bars ausgezeichnet und zieht ein durchmischtes Publikum an. Gerade die Jung-Kundschaft verdichtet sich. „Mit Whisky kann man sich selbst auszeichnen. Das Statement ist: Ich habe Geschmack, Klasse und kann mir etwas Besonderes leisten“, sagt Borrmann. Aber es ist nicht nur das Posing, denn schließlich ist Whiskybrennen wie -genießen eine Kunst für sich. Den Einstieg machen die Borrmanns leicht. „Wir beraten Studenten lieber, als dass sie später Tränen im Glas haben.“

Text: Marvin Purwin

Foto: Victor Fernandez / HIPI

Cadenhead’s Whisky Market Mainzer Straße 20, Friedrichshain, Tel. 30 83 14 44, www.cadenhead-berlin.de

Wein & Whisky Eisenacher Straße 64, Schöneberg, Tel. 784 50 10, www.world-wide-whisky.de

So Frosch Sonntagstraße 26, Friedrichshain, Tel. 43 20 47 23, www.sofrosch.de

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