Wie essen wir morgen?

Bio-Lebensmittel aus Brandenburg

Ein weites Feld: Berlin könnte fast ausschließlich mit Bio-Lebensmitteln aus Brandenburg versorgt werden. Theoretisch zumindest. Praktisch keimt das Umland Berlins noch vor allem in den kleinen, charismatischen Nischen. Eine Landpartie

Forsthaus Strelitz, Foto: Anna Rose

Alle reden über das Essen. Neuerdings auch die Politik. So hat der Berliner Senat im aktuellen Doppelhaushalt 700.000 Euro bereitgestellt, um – nach Kopenhagener Vorbild – in die Qualität, Regionalität und Saisonalität von Schulessen und Gemeinschaftsverpflegungen zu investieren. Felix Löwenstein, Vorsitzender des Bundesverbandes Ökologische Landwirtschaft, war in der dänischen Hauptstadt und hat dort etwa „in einer Rathauskantine gegessen, die sterneverdächtig war.“

Bereits seit 2015 erfüllen dort 90 Prozent der täglich 66.000 kommunalen Mahlzeiten Bio-Kriterien, die Produkte kommen zudem überwiegend aus dem Kopenhagener Umland. Und: Sie sind dabei nicht einmal teurer geworden. Weil man an einigen Parametern geschraubt hat: weniger Fleisch, mehr saisonale Produkte, weniger Lebensmittelverschwendung. Der Schlüssel zu diesem Erfolg waren für Felix Löwenstein die Menschen: „Die Dänen haben das geschafft, weil man alle, die das umsetzen sollten, intensiv begleitet hat, vom Bauern über die Küchenhelferin bis zum Thekenpersonal.“

Tatsächlich: Auch Berlin und mithin das Umland könnten überwiegend mit regionalen Bio-Produkten versorgt werden. Das hat gerade eine Studie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg ergeben. Die Forscher ermittelten die Fläche, die zur Deckung des Bedarfs an Bio-Lebensmitteln benötigt würde – pro Einwohner knapp 2.900 Quadratmeter Land. In der Summe entspräche das einem Kreis mit einem Radius von etwa 107 Kilometern rund um Berlin. Ein theoretischer Wert, gewiss. Zumal auch Produkte eingerechnet sind, vom Kaffee bis zur Banane, die nicht in Brandenburg wachsen. Und doch ist die Botschaft klar: Wir können, als Ernährungsstrategie und nicht nur als distinguierter Lebensstil, anders essen, wenn wir es denn nur gesamtgesellschaftlich wollen.

Ein Missverständnis bleibt ja noch immer: Bio muss man sich leisten können. Felix Löwenstein findet die Antithese zu diesem regelmäßig vorgebrachten Mantra ausgerechnet in Indien, wo „sich bereits der dritte Bundesstaat explizit zur ökologischen Landwirtschaft bekannt hat.“ Ausgerechnet dort also, wo sich Ernährungsdebatten tatsächlich um die ganz konkrete Frage drehen, wie die Menschen den nun satt werden können, heißt die Antwort zunehmend: Bio. Vor allem eine kleinteilige, bäuerliche Landwirtschaft profitiert von der Unabhängigkeit gegenüber der globalen Saat- und Düngemittelindustrie. Und dann ist da noch das riesige Problem der vielen überdüngten, erodierten, unbenutzbar gewordenen landwirtschaftlichen Flächen. Auch hierzulande ist Glyphosat ja längst im Grundwasser nachweisbar.

Deutschlandweit arbeitet inzwischen jeder zehnte bäuerliche Betrieb nach ökologischen Grundsätzen. Immerhin fünf Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche werden auf diese Weise nachhaltig bewirtschaftet. Ob nun als kleiner, ganzheitlich agierender Demeterhof wie Weggun in der Uckermark, dessen Eier und Marmeladen auch in einigen Berliner Biomärkten zu finden sind, oder als Großbetrieb mit dreistelligen Hektarzahlen, der, so Jiro Nitsch, „eben Bio nach Vorschrift macht.“

Nitsch, Veranstalter der Berliner Fachmesse Next Organic, glaubt indes nicht, „dass die kleinen, sehr speziellen und oft von Quereinsteigern geführten Betriebe“ im Berliner Umland die Ernährungswende gestalten könnten: „Aber sie sind für mich die Avantgarde, die den Großen zeigt, was möglich ist, wenn man an die bedingungslose, auch ethische Qualität seiner Produkte glaubt.“

Jiro Nitsch wünscht sich deshalb eine neue Gründerzeit. Die Bio-Branche müsse nachvollziehen, was die konventionelle, rationalisierte Landwirtschaft schon in den Neunziger- und Nullerjahren vollzogen habe. Damals, als die Landeseigenen Produktionsgenossenschaften oft in voller Größe zu hochoptimierten Industriebetrieben geworden waren: „Wenn ich an den Obstbau am Bodensee denke oder an die Landwirtschaft in der Pfalz, dieses über Generationen gewachsene Wissen fehlt hier vor Ort noch zu oft.“ Wobei auch Nitsch den Schlüssel bei den Menschen sieht. „Wir brauchen betriebswirtschaftlich und fachlich hoch ausgebildete Biobauern, die dann schon rein kalkulatorisch zum Ergebnis kommen, dass ihr Weg der zielführendere ist.“

Solanum Rheinsberg
Wie schmeckt der Acker Berlins? Eben diese Frage will das zweite Solanum-Foodfestival in Rheinsberg an der Wurzel packen. Mit einem großen Bauern- und Produzentenmarkt (am Samstag), mit einem interaktiven Frühstück (am Sonntag), mit Kochkursen (auch für Kinder) und kulinarischen Erkundungen. Und mit thematischen Vier-Gang-Menüs in verschiedenen Rheinsberger Restaurants.
Montag, 21. Mai, bis Sonntag, 27. Mai, Rheinsberg, www.solanum-verein.de

Mehr über Cookies erfahren